Freie Gesellschaft

Wenn ich von den Vorzügen einer freien Gesellschaft ohne Staat schwärme, werde ich gerne gefragt, wie ich mir das vorstelle, wie das funktionieren soll? Wie soll beispielsweise der freie Markt den sozialen Wohnungsbau organisieren? Wer kümmert sich um die Straßen? Wer schützt uns vor Räubern? Wer hilft den Armen? Und überhaupt: freie Gesellschaft? Wie soll man das durchsetzten ohne Staat?

In der Tat fällt es schwer, auf diese Fragen konkret zu antworten. Meist bleibt nicht mehr als der allgemeine Verweis auf die selbstorganisierenden Mechanismen einer freien Gesellschaft. Denn die Fragen selbst sind schon falsch gestellt. Es ist ein wesentliches Merkmal der Freiheit, das Gegenteil von Determiniertheit zu sein. Eine freie Gesellschaft lebt von der unendlichen Vielfalt an Methoden und Lösungen, die der freie menschliche Geist entwickelt. Demzufolge ist auch ihre Form nicht determiniert und daher nicht planbar, nicht im Voraus festlegbar. Es sind Bedingungen formulierbar, die aber sämtlich negativ sind, d.h. die nicht beschreiben, was sein muss, sondern was nicht sein soll: nämlich Zwang und Herrschaft. Unsere sogenannte Konsumgesellschaft mag sich überflüssigen Dingen widmen, aber sie hat bewiesen, dass der freie Geist im freien Markt, angetrieben von Eigennutz, zu erstaunlicher Kreativität fähig ist.  Diese unplanbare Kreativität zu entfesseln, statt sich aus Furcht vor dem Unbekannten auf die wenigen planbaren Rezepte zu verlassen, die in einem staatlichen Verwaltungsapparat durchführbar sind, ist die Strategie der freien Gesellschaft.
Freiheit lässt sich nicht organisieren. Eine freie Gesellschaft ist kein System, sondern das Vertrauen in das Individuum, in Freiheit und durchaus im Eigeninteresse in soziale Interaktion zu treten. Die Frage kann also nicht sein: wie organisieren wir Freiheit, wie etablieren wir das freiheitliche System – ein solches kann es gar nicht geben – sondern nur: Wie befreien wir uns aus der Unfreiheit? Und im konkreten Fall: Wie können wir dafür sorgen, dass die Lösung unserer Probleme zunehmend der Kreativität der Selbstorganisation im freien Wettbewerb sozial interagierender Individuen überlassen werden. Mehr Freiheit heißt, Zwang abzubauen. Das geht schlechterdings nicht durch (staatlichen) Zwang, sondern nur durch Freiheit. Gefragt ist also kein raffiniertes, allgemein gültiges Rezept für die Organisation des Wohnungsmarktes, sondern die Aktivierung der Selbstregulationskräfte des Marktes, die Nutzung individueller und kontextbezogener Kreativität, das Vertrauen darauf, dass jeder soziale Organismus aus denkenden, fühlenden und interagierenden Egoisten besteht und nur bestehen kann. Und trotzdem, nein, gerade deswegen im Ergebnis und im großen und ganzen sozial ist. Zumindest nicht unsozialer als ein solcher, der unter dem Zwang einer Elite steht, die sich von eben den selben Egoisten wählen lässt.
Die freie Gesellschaft kann niemals mit dem und durch den Staat oder eine vergleichbare, auf Allgemeinverbindlichkeit und Zwang basierende Organisation etabliert werden. Sie ist vielmehr die Befreiung von Zwangsorganisationen. Sie ist nicht die Veränderung des Staates, ob nach links oder rechts, progressiv oder konservativ, totalitär oder liberal. Die freie Gesellschaft ist die Emanzipation vom Staat!Danach zu fragen, wie dies und das in einer freien Gesellschaft ohne Staat geregelt werden sollte, ist so als würden zwei Strafgefangene einen Ausbruch planen und der eine fragt plötzlich: ja aber wie soll das funktionieren ohne Gefängnis? Wer kocht das Essen? Woher wissen wir, wann geduscht wird? Wer schließt am Abend die Zellen ab?Wir tragen unser Gefängnis im Kopf, weil wir nicht in der Lage sind, uns vorzustellen, dass ein beliebiges Problem ohne eine einheitliche staatliche Zwangsverordnung zu lösen sei, obwohl genau dies im Alltag ständig und direkt vor unserer Nase passiert. Allein die Beobachtung des Straßenverkehrs beweist, dass freie Individuen zu spontaner sozialer Selbstorganisation fähig sind. Denn es behaupte bloß niemand, es sei die Straßenverkehrsordnung und nicht das ganz eigennützige Interesse an einer unfallfreien Fahrt, das uns zu dieser Meisterleistung an komplexer sozialer Interaktion antreibt!

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