Was Bookmarks indirekt mit Wien zu tun haben!

Ein Rant über den Übersetzungswahn von Microsoft

Das Tabellenkalkulationsprogramm Excel ist meines Erachtens das beste von Microsoft jemals entwickelte Programm (heißt noch nichts, ich weiß^^) und wahrscheinlich das von mir beruflich wie privat am meisten genutzte Desktop-Programm, abgesehen von Chrome und Sublime Text…

Es gibt dort die Möglichkeit, Funktionen zu benutzen, um Werte in Zellen zu „berechnen“. Drei dieser Funktionen heißen LEFT(), RIGHT() und MID(). Was tun sie? Grob gesagt schneidet LEFT() einen Teil aus einem Text heraus, und zwar links (!), RIGHT() schneidet einen Teil rechts heraus und MID() in der Mitte, zwischen zwei beliebigen Positionen. So weit so gut.

1. Ärgernis:

Ganz unabhängig von diesen drei konkreten Funktionen hat sich Microsoft dazu entschlossen, Funktionsbezeichner zu übersetzen! Warum ist das ein Ärgernis? Weil die Funktionsbezeichner nichts mit dem Inhalt zu tun haben, sondern Sprachelemente der Programmiersprache sind, sozusagen „Werkzeuge“ für den Entwickler. Und in allen Programmiersprachen die ich kenne und die nicht von Microsoft sind, werden Sprachelemente nicht übersetzt. Nicht nur weil es unnötig ist, sondern auch um Klarheit und Einheitlichkeit zu erhalten. Was nämlich dann z.B. passiert ist, dass die Funktion MID()in einer Anleitung von einem Übersetzer oder einem Übersetzungsprogramm (was zunehmend Verbreitung findet) mit MITTE() übersetzt wird, der Entwickler in seinem deutschen Excel aber vergebens nach MITTE() sucht, denn dort heißt die Funktion – und das ist das

2. Ärgernis:

TEIL()! Man kann darüber streiten, ob MID oder TEIL für diese Funktion sinnvoller ist, aber jedenfalls ist das eine nicht die Übersetzung des anderen und das führt zu unnötiger Verwirrung. Und schlechte ebenso wie unnötige Übersetzungen sind ein Markenzeichen von Microsoft. Prominentestes Beispiel ist wahrscheinlich der Begriff „Favoriten“ für „Bookmark“, der erstens unnötig ist, weil jeder den Begriff „Bookmark“ versteht, und zweitens falsch, denn „Bookmark“ heißt „Lesezeichen“ – Favoriten hingegen ist ein Stadtbezirk von Wien! Und selbst „favorites“ wäre mit „Favoriten“ nur ungenau übersetzt, denn es heißt eigentlich so etwas wie Lieblinge!

Aber zurück zum eigentlichen Thema: als Excel-Entwickler sitzt man nun ständig da, sucht im Internet nach einer Lösung für ein Problem, findet den Hinweis auf eine Funktion – meist eben auf englischen Sites – und dann darf man erstmal die Übersetzungsliste aufmachen und nachschlagen, wie die entsprechende Funktion auf deutsch heißt. Und wehe man arbeitet z.B. am Arbeitsplatz mit einer englischen, privat mit einer deutschen Version, dann sind Knoten im Hirn vorprogrammiert…

Nun kann man natürlich sagen: ok, Microsoft will’s den Anfängern leichter machen oder auch für nicht-computer- und nicht-englisch-affine Menschen zugänglich sein. Nur: Was will ein nicht-computer-affiner Mensch mit einer Excel-Funktion?? Und welcher computer-affine Mensch ist nicht-englisch-affin? Das eine bedingt das andere! Aber gut, man könnte sagen: egal, Hauptsache es gibt die Funktionen und sie funktionieren, ob englisch oder deutsch! Immerhin werden „intern“ die Funktionen einheitlich abgespeichert, d.h. wenn ich in einem deutschen Excel Funktionen auf Deutsch eingebe, die Datei speichere und in einem englischen Excel öffne, dann sind die Funktionen automatisch alle englisch – sonst würde ja auch nichts mehr funktionieren, das wäre ja albern! Selbst Microsoft würde so was nicht machen… Oder? – – – neee, komm jetzt! – Im Ernst!

3. Ärgernis:

Doch! Es gibt eine Funktion, die heißt INDIRECT() (Auf Deutsch, weil’s ja sonst niemand verstehen würde: INDIREKT!). Was diese Funktion macht ist etwas schwieriger zu verstehen: mit ihr kann man Zellen ansprechen, ohne dass man deren Koordinaten in der Formel angeben muss. Stattdessen kann die Funktion die Koordinaten aus dem Inhalt einer anderen Zelle oder aus dem Ergebnis einer Funktion übernehmen, so dass die Koordinaten der zu verarbeitenden Zelle je nach den Daten im Tabellenblatt sich ändern können. Nun müssen aber diese Koordinaten in einer bestimmten Weise geschrieben sein, damit die Funktion sie „versteht“: Zuerst kommt ein „R“ (für „row“), dann die Zeilennummer, dann kommt „C“ (für „column“) und die Spaltennummer. Also z.B. „R4C10“ heißt: die Zelle in Zeile 4, Spalte 10. Ich kann also, wenn ich entsprechend mit INDIRECT() programmiert habe, in einer Zelle den Text „R4C10“ eingeben und dann spuckt mir die Formel mit dem INDIRECT() den Wert aus Zeile 4, Spalte 10 aus. Wenn ich „R11C3“ eingebe, spuckt sie den Wert aus Zeile 11, Spalte 3 aus und so weiter…

Und? Wo ist das Ärgernis? Das Ärgernis wird deutlich, wenn man diese Datei nun in einem deutschen Excel öffnet, denn dann spuckt sie einen Fehler aus und sagt so etwas wie „Die Koordinaten sind ungültig“ (konkret: „#BEZUG!“) – Hä? Gerade hat’s doch noch funktioniert! Tja, nicht bei Microsoft, denn in ihrem Übersetzungswahn haben sie auch die Syntax für die Koordinaten „übersetzt“, d.h. in einem deutschen Excel muss man nicht R4C10 schreiben, sondern Z4S10 – für „Z“eile und „S“palte!! Und das wird auch nicht automatisch übersetzt und kann auch gar nicht, denn es ist ja ggf. eine Benutzereingabe in einer Zelle oder ähnliches. Wäre noch mal schöner, wenn Microsoft auch noch meine Daten übersetzen würde… D.h. eine im englischen erstellte Tabellenkalkulation ist, wenn man z.B. diese Funktion nutzt, nicht mehr in einem deutschen Excel verwendbar! Und das ist jetzt kein Bug, der mit dem nächsten Release ausgebügelt wird, sondern das ist schon seit Jahrzehnten und in allen Versionen so!

Und warum ist das so? Weil Microsofts Marketing-Strategie sagt: wir müssen alles übersetzen, auch wenn’s noch so bekloppt ist, damit unser Programm auch noch vom letzten Honk gekauft wird. Und wenn es dabei zu solchem Schwachsinn kommt: Scheiß auf Entwickler, die sollen schauen, wie sie damit zurecht kommen. Wir verkaufen das als Feature und die Entscheider in den Unternehmen, die von IT keine Ahnung haben, aber von uns mit PR vollgestopft werden, erklären dann den Programmierer für dumm, wenn er (mal wieder…) sagt: „das geht nicht…“!

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