Tu was Du willst!

Spirituelle Aufklärung 7

Mit der Kultivierung der Eigentlichkeit, die sich aus der Liebe zur Tat und aus Spaß an der Freud‘ vor dem Hintergrund eines irgend gearteten Absolutheitserlebnisses entfacht, ist aber nicht nur die Rückbindung an jene oben so bezeichnete Auferstehung verbunden, sondern auch die Bewusstmachung jener existenziellen Voraussetzungslosigkeit, die sich in Steiners spirituellem Werk vor 1900 philosophisch niederschlägt und die ich in Konstruktivismus und Hedonismus als metaphilsophischer Philosophien identifizierte und die ich im Folgenden als spirituelle Aufklärung näher definieren will.

Der Charakter des spirituellen Erlebnisses des Nichts und des Aufgehobenseins der Welt und der Wirklichkeit im Bewusstsein, prägt nicht nur die Philosophie der Freiheit von Steiner, sondern auch die Beschäftigung mit Goethe und insbesondere mit Nietzsche, dessen nihilistisches Pathos Steiner in dieser Phase geradezu euphorisch als Freiheitsphilosophie verehrt. Darin aber nicht nur die Verneinung aller Seinsbezogenheit der Welt zu sehen, sondern den positiven, im Konstruktivismus erst Ende des 20. Jahrhunderts philosophisch, bei Steiner bereits spirituell erfahrenen und philosophoid dargestellten Schritt von einer naïv-realistischen, rationalistischen, ontologischen Weltauffassung zu einer solchen zu sehen, die diese für unhintergehbar gehaltenen Prinzipien aufhebt und relativiert und erneut das autonome Individuum zum Zeugen der Wirklichkeit erklärt, ist eine neue Ebene der Aufklärung, mit der sich der Mensch einmal mehr und mit Kant gesprochen „aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit“. Während es bei Kant der Rationalismus war, der sich gegen die Dogmatik eines geistlichen Offenbarungsglaubens behaupten sollte, so ist es heute das spirituelle Autonomieerleben, das sich gegen die Dogmatik eines pseudorationalen, populärwissenschaftlich-empiristischen Positivismus behaupten muss, der dieses Autonomieerleben nicht nur nicht einholen kann, sondern es in seinen Prämissen von vorneherein ausschließt. Dass aber Wissenschaft und insbesondere ihr Wirklichkeitsverständnis selbst in diesem Autonomieerleben aufgehoben sind, so wie der religiöse Mythos und das Glaubensdogma in der Rationalität aufgehoben werden, ist der Kern einer spirituellen Aufklärung.

Die rationale Aufklärung hat die religiösen Mythen entzaubert und sie auf Rationalität reduziert. Ihre Inhalte sind damit aber nicht negiert, sondern nur in einer anderen Form verfügbar. In der modernen Psychologie finden wir beispielsweise viele rationalisierte Mythen und sie hat in vieler Hinsicht die Rolle der Religion als „Seelsorger“ abgelöst. Der Gegenstand bleibt, aber er wird enthüllt, der Zugriff wird unmittelbarer, das Individuum wird autonomer im Umgang damit und der dogmatische und moralische Impetus verschwindet zugunsten einer Versachlichung. Die spirituelle Aufklärung führt diesen Prozess einerseits fort, indem sie die unreflektierten Wirklichkeitsbedingungen der Natur und des Menschen als Teil der Natur auf das unmittelbare Erleben des absoluten Bewusstseins als jener Operativität, die dem Sein voran geht, reduziert. Andererseits gleicht sie auch Defizite der rationalen Aufklärung aus, die insbesondere in einer emotionalen Entfremdung durch die Rationalisierung des Weltbildes liegen, indem sie die Welt ans Individuum zurückbindet und damit die emotionale Schicht wieder mit einfasst. Man kann in der rationalen Aufklärung auch die Abschaffung der dualistischen Gottesvorstellung eines jenseitigen Verursachers alles Weltgeschehens sehen, von dem wir getrennt und dennoch abhängig sind. Dann ist die spirituelle Aufklärung die Abschaffung der dualistischen Naturvorstellung einer äußeren Verursacherin des Weltgeschehens zugunsten einer im operationalen Bewusstsein rückgebundenen Einheit von Natur und Mensch, von Subjekt und Objekt. Diese Einheit, die Steiner als geistigen Monismus propagiert, macht spätestens dann, wenn sie unmittelbar als Erlebnis erfahren wird, jede Möglichkeit zunichte, ein außerhalb dieser Einheit des Bewusstseins liegendes Prinzip als notwendig anzuerkennen, sei es ontologisch oder ethisch. Das Sein gründet in der Einheit dieses operativen Bewusstseins und alles, was ist, ist nur insofern Wirklichkeit, als es Teil der Konstruktion dieses operativen Bewusstseins ist.

Der Konstruktivismus ist daher kein philosophisches System oder Weltbild, sondern er ist der über aller Philosophie stehende Vorbehalt, dass jedes Weltbild und jedes philosphische System nur insofern Wahrheit beanspruchen kann, als es sich seiner konstruktivistischen Natur eingedenk ist. Insofern ist der Konstruktivismus Teil jener philosophischen Hinterfragung der Wirklichkeitsbedingungen, die ich als spirituelle Aufklärung bezeichne. Für die Ethik gilt ähnliches. Auch hier kann keine Norm Allgemeingültigkeit beanspruchen, ohne sich der Tatsache ihrer eigenen Setzung bewusst zu sein. Vor dem Einheitserlebnis des Bewusstseins, das zugleich ein Erlebnis des auf Nichts gegründeten Seins ist, löst sich jeder normative moralische Anspruch durch die Abwesenheit einer ethischen Vorgabe oder eines letzten moralischen Ziels auf. In der Erfahrung des absoluten Nichts entlarvt sich jede moralische Bewertung des Seins als bedingte Konstruktion eines Sinnes, der nicht Teil der unmittelbaren Welterfahrung sondern ein ihr von mir Hinzugefügtes ist. Dies ist der Beitrag, den der Hedonismus als metaphilosophische Idee zur spirituellen Aufklärung leistet und der jedes moralische Gesetz und jede ethische Norm hintergeht durch den Vorbehalt: aber nur, weil ich es so will! Der Hedonismus ist keine Ethik des Egoismus, er schreibt nicht vor, egoistisch zu handeln, sondern er macht nur auf die Unmöglichkeit einer anderen als letztlich auf mich zurückgehenden Motivation jeder ethischen und moralischen Absicht und also jeder Handlung aufmerksam.

Diese Haltung einzunehmen, und zwar nicht nur abstrakt und theoretisch, sondern ganz konkret die Bedeutungen und die Werte, die ich den Dingen beilege, auf ihren Ursprung zu prüfen, sie anzuzweifeln, aufzulösen und ohne irgend eine Voreinstellung ihnen gegenüberzustehen, war das noch unbekannte Ziel des Weges, der mich in der Emanzipation von meinem anthroposophischen Sozialisierungs-Dogma bis vor das absolute Nichts führte. Und die echte Dimension von Konstruktivismus und Hedonismus ist wirklich nur mit dieser existenziellen Form des radikalen Zweifels erreichbar. Erst dort erlebte und spürte ich leibhaftig die Unmöglichkeit einer anderen als einer relativen Wahrheit und anderer als nur bedingter Werte. Die ernsthafte Erwägung der Tatsache, dass außer dem Leben nur der Tod bleibt, macht alle anderen als meine eigenen Ansprüche an dieses Leben völlig sinnlos. Angesichts des Nichts, in dem das Sein liegt, wird wirklich jede Bedeutung, jeder Sinn, jedes Ziel und jedes Gesetz relativiert. Unser Alltag ist geprägt von einer Unzahl von Regeln, Normen, Konventionen und Traditionen, die in dieser Alltagsperspektive erkennbaren Sinn haben. Vor dem Erleben des Nichts, schon vor der ernsthaften Erwägung des eigenen Todes löst sich ihre Bedeutung auf wie eine Hand voll Asche im Wind. Und noch intensiver kann diese Erfahrung werden, wenn sie sich nicht nur auf die Bedeutungen und Werte, sondern auch auf dasjenige bezieht, was ich als Gegenstandswelt um mich herum erlebe. Auch diese löst sich angesichts des Nichts zu einer paradoxen Vorstellung auf. Sie ist nirgends, sie ist nie, sie ist nicht – es sei denn, dass ich sie als solche betrachte!

An diesem Punkt ist es nicht nur ein logisch-semantischer Schluss, sondern geradezu empirische Evidenz, dass es keine Ethik als Normwissenschaft geben kann. Es steht mir da die Nichtigkeit schon der Vorstellung einer solchen Ethik leibhaftig vor Augen. Diese innere Evidenz ist zwar nur punktuell und macht immer wieder Alltagsvorstellungen und -empfindungen Platz und immer wieder schieben sich Gewohnheiten und Pragmatik vor dieses Nichts und heischen mich, zu handeln, als gäbe es eine Ethik und als wäre die sinnliche Gegenstandswelt in einer Weise wirklich, die von mir unabhängig ist. Doch dies alles findet im freien Fall einer auf nichts gegründeten Wirklichkeit und eines auf nichts gegründeten Handelns statt, eines Handelns, dessen Moral nur der sich selbst genügenden Handlung folgt. Im Grunde belüge ich mich nur, wenn ich Gründe für mein Handeln angebe, die außerhalb der Handlung selbst liegen. Und ehrlich bin ich nur dann, wenn ich jenen hedonistischen Vorbehalt als einziges mögliches und auch vor dem Nichts bestehendes Motiv gelten lasse: weil ich es will! Nur dann – und selten genug gelingt mir das wirklich – handle ich nicht um eines Zieles Willen, sondern finde im Handeln selbst mein Ziel. Und dann schert mich das alles vernichtende Nichts nicht mehr, weil mir mein Handeln und das Konstrukt, in dem ich handle, alles ist.

Erst so zu handeln, kann wirklich handeln genannt werden und ist der eigentliche Inhalt dessen, was ich in Analogie zur rationalen Aufklärung als spirituelle Aufklärung bezeichnet habe. Diese spirituelle Aufklärung hebt die Autonomie des Handelnden auf eine völlig neue Ebene. Dass Steiner einen so verstandenen Hedonismus vertritt, wird nicht nur aus seiner Ablehnung jeglicher Form von normativer Ethik in seiner Philosophie der Freiheit deutlich, sondern auch in seiner Schrift „Der Egoismus in der Philosophie“. Dass er den so verstandenen Konstruktivismus vertritt, wird aus Sätzen wie dem oben zitierten oder aus seiner Definition von Wahrheit als individuellem Produkt des Menschen in „Wahrheit und Wissenschaft“ deutlich. Sein sogenanntes philosophisches Frühwerk ist in Wahrheit ein spirituelles Frühwerk, das in philosophischer Sprache auf das spirituelle Urerlebnis verweist und die daraus folgenden Implikationen einer spirituellen Aufklärung ausführt. Steiners kontinuierlicher Hinweis darauf, das es sich bei seiner Anthroposophie nicht um Spekulation sondern im Kern um die „Anschauung von Ideen“ handelt, macht deutlich, dass seine Ausführungen auf spirituelle Erfahrung verweisen. Solange ich es als philosophischen Diskurs lese, werde ich dies naturgemäß verneinen und alle möglichen Schlüsse aus seinen Ausführungen ziehen.

Dass die spirituelle Erfahrung jenseits dessen liegt, was wir im philosophischen Sinne als Denken bezeichnen, hindert uns nicht, über diese Erfahrung nachzudenken. Es ist dieses Nachdenken aber nicht die Erfahrung selbst. Diese liegt für ein rational aufgeklärtes, philosophisches Bewusstsein im völligen Dunkel des ausgeschlossenen Dritten zwischen sinnlicher Erfahrung und ideeller Spekulation auf jener Ebene, auf die Philosophie hinweisen kann, die aber nur durch jene Tapetentür des absoluten Zweifels, der reinen Achtsamkeit und des Aufmerksamwerdens auf das reine Bewusstsein als wirkliche Erfahrung jenseits jeglicher Begrifflichkeit erreichbar ist. Und in dieser Erfahrungsschicht liegt das eigentliche Potential der spirituellen Aufklärung. Als jemand der Philosophie studiert hat und kaum etwas erquicklicheres kennt als einen philosophischen Diskurs, folge ich nicht meinen Neigungen sondern der Überzeugungskraft eben dieser Erfahrungsschicht, wenn ich die positive Macht, die eine solche Erfahrung für das Leben hat, feststelle. Für mich wird dadurch nicht nur verständlich, wie aus der Initiative eines einzigen Menschen heraus so etwas wie die anthroposophische Kultur entstehen konnte, sondern ich sehe mich nach all dem geschilderten an einem Punkt angekommen, an dem sich Erkenntnis nicht nur in vieler Hinsicht relativiert, sondern auch transformiert zu etwas, das vielleicht gleichwohl Erkenntnis ist, das aber von jener Bewusstseinsschicht der reinen Erfahrung ausgeht.

Dass auch hierüber eine Kommunikation mit Worten und also begrifflich stattfindet bleibt davon unabhängig. Ebenso dass es eine Alltagsschicht gibt, die immer rational, die sogar immer dogmatisch bleiben wird. Für mich ist aber jetzt die eigentlich interessante Perspektive diejenige, die ich hier und an anderen Stellen unter Bezugnahme insbesondere auf den Konstruktivismus von Luhmann und auf jene spirituelle Bewusstseinserfahrung dargestellt habe und die ich bis auf weiteres als spirituelle Aufklärung bezeichne. Durch diese Perspektive ergibt sich für mich ein neues Interesse an der Welt, das nicht die prätentiösen Ansprüche des auf Erkenntnis, Entwicklung und Weltverbesserung ausgerichteten Pathos meiner früheren Anthroposophierezeption stellt, sondern das sich auf die Erfahrung, auf das Erleben der Welt im Hier und Jetzt richtet und dem sich darin die ganze Pracht und Fülle der Welt überhaupt erst erschließt. Es ist dies eine Geste des Loslassens und des Innehaltens, doch gerade aus dem achtsamen Gewahrwerden der sich als aktuelle Erfahrung darlebenden Wirklichkeit entfesselt sich eine Dynamik, gegen die sich alle noch so heren moralischen Prinzipien, Entwicklungsabsichten und Erkenntnisbestrebungen armselig ausnehmen. Mithin zielt die spirituelle Aufklärung entgegen den Vorurteilen, die sich mit dem Begriff „spirituell“ vielfach verbinden können, auf eine ganz unmittelbare Intensivierung des Lebens in der sich als Sinnlichkeit ausbreitenden Welt. Kein Dahinterstehendes, kein Jenseitiges, kein fernes Entwicklungsziel, keine abstrakte Erklärung und Sinnstiftung, sondern das unmittelbare Leben und Erleben der Gegenwart in ihrer ganzen Profanität und Heiligkeit ist die Erfüllung der spirituellen Aufklärung. Erst spirituelle Aufklärung bedeutet in dem oben für die Anthroposophie beanspruchten Sinne: eigentlich zu leben!

Diese spirituelle Aufklärung ist für mich immer verbunden mit der Anthropsophie, doch das gilt nur ganz persönlich für mich und nicht allgemein. Spirituelle Aufklärung ist sowenig Anthroposophie wie rationale Aufklärung Kantianismus wäre. Sie ist eine besondere Haltung, die sich in verschiedensten Ansätzen und Strömungen zeigt und die bei allen Unterschieden jenes verbindende Element ist, das nicht nur diese Strömungen sondern latent auch manche dezidiert unspirituelle Veranstaltung wie z.B. die Systemtheorie von Luhmann durchzieht und die in gewissem Sinne immer die Transformation und Aufhebung des bestehenden Paradigmas auf eine neuen Ebene ist. Da sich diese Transformation letztlich nur aus der neuen Ebene heraus nachvollziehen lässt und sich nicht aus der alten Ebene erschließt, scheitert am Ende jeder und damit auch dieser Versuch, darüber Mitteilungen zu machen, ohne bereits die Transformation vorauszusetzen. Dass die Transformation aber dennoch möglich ist, ist das Geheimnis des Lebens.

Freund es ist auch genug.
Jm fall du mehr wilt lesen
So geh und werde selbst die Schrifft
und selbst das Wesen.(Angelus Silesius)

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