Der Hüter der Schwelle ist Anthroposoph

Spirituelle Aufklärung 5

Die Möglichkeit einer neuen Erlebnisqualität dem Leben gegenüber, wie ich sie im vorigen Abschnitt als singuläres Kulminationsereignis beschrieben habe, war als solches weit weniger spektakulär, als es so beschrieben klingen mag. Es war als Einzelerlebnis nur wie eine kurze Verzückung, wie das Überraschungsgefühl eines Deja-Vues, wie das plötzliche Auftauchen einer Idee. Als solches wäre es nicht bedeutungsvoller als viele andere besondere Momente. Die Intensität, mit der es im Gedächtnis blieb, liegt in der unmittelbaren Gewissheit, dass es etwas ist, das permanent anwesend bleibt, wenn auch nur latent, und dass es auch vor dem Erlebnis selbst schon anwesend war, ohne dass ich es bemerkt hätte. Wie eine unbemerkte Tapetentür oder ein Vexierbild, dessen Muster ganz spontan und plötzlich eine Figur offenbart, die aber immer schon da war.

Die Besonderheit dieser Erfahrung liegt nicht in ihrem Inhalt, sondern in ihrer Qualität. Das Erlebnis war nicht annähernd so intensiv wie das von irgend welchen Rauschzuständen oder anderen extatischen Erlebnissen. Es war mit ihm keinerlei exponierter Inhalt, keine Vision oder ein besonderer begrifflicher Zusammenhang verbunden. Es ist nur stilles bewusst sein. Aber dieses bewusst sein zu finden war überwältigend, weil es gerade mit KEINEM Inhalt verbunden war, sondern sich rein auf das bewusst sein als solches beschränkte. Und weil es durch nichts Äußeres veranlasst war sondern ganz aus der eigenen innneren Haltung entsprang und die gesamte Aufmerksamkeit nur auf diesem bewusst sein ruhte und dieses bewusst sein reine Aufmerksamkeit war. Es ist eine Erfahrung, deren Absolutheit jenseits jeglicher begrifflichen Reflexion in der unmittelbaren Erlebnisqualität liegt.

Diese Absolutheit ist tatsächlich der Ausgang in jenen „Raum“, der jenseits der Welt liegt. Es ist das Betreten jener Sphäre, die ich implizit in meiner universellen Frage nach dem, was übrig bleibt, wenn man die Welt entfernt, unterstellt habe. Dieser Raum ist selbstverständlich nicht außerhalb des Universums zu denken, also nicht Richtung Alpha Centauri und dann noch einige Millionen Lichtjahre weiter, am Ende des Alls. Dieser Raum ist vielmehr dasjenige Bewusstsein, durch das, in dem und mit dem die ganze Welt, wie ich sie erlebe, überhaupt erst anhebt. Es ist die Bedingung des Seins der Welt, ihre Gegründetheit in ihrem eigenen Erfahrenwerden. Es ist jene Bewusstseinsschicht, für welche die Gegenstände der Welt da draußen nur Attrappen aus Pappe, nur auf das Nichts projizierte Schatten sind. Es ist das Bewusstsein, in dem nicht nur die Welt sondern auch ich selbst aufgehoben bin. Es ist jene reine präsubjektive Operationalität, welche in konstruktivistischen Begriffen jeglicher ontologischen Instanz vorangeht. Und das Besondere daran ist, dass diese Qualität als reale Dimension des Bewusstseins nicht nur begrifflich erörtert und philosophisch erschlossen, sondern ganz konkret als Bewusstseinsverfassung erfahrbar ist.

Es ist nur wie ein inneres Innehalten und Loslassen nötig, und alles Erlebte tritt etwas zurück. Es ist als tauche man etwas daraus auf und blicke von außen darauf. Es ist jenes Erlebnis, das man haben kann, wenn man im Kino ganz in die spannende Handlung eines Films vertieft ist und plötzlich aufblickt, das Publikum und die Leinwand betrachtet, auf der nach wie vor der Film spielt, der aber plötzlich nicht mehr jener mitreißende, eigentlich als aktuelle Wirklichkeit erlebte Strom ist, in dem das Bewusstsein gerade noch mit strömte, sondern der plötzlich nur noch ein Film ist, betrachtet von einem Publikum. Das, was wir Bewusstseinsinhalt nennen, ändert sich durch dieses Innehalten nicht, nur meine Einstellung dazu ändert sich. Ich nehme plötzlich nicht nur den Bewusstseinsinhalt (den Film) wahr, sondern auch das bewusst sein (das Sitzen im Kino) und die Abhängigkeit und Bedingtheit des Inhaltes in diesem Bewusstsein.

Mit dem Auftauchen dieser Bewusstseinsqualität, die man reines Bewusstsein nennen könnte, entschlüsselte sich für mich auch plötzlich eine bestimmte Schicht jener Mythen und Sagen, jener Fülle an okkulten, esoterischen, gnostischen, spirituellen und religiösen Weisheiten, die in unterschiedlichster Form auf diese Art des bewusst seins Bezug nehmen. All die tautologischen und paradoxen Formeln eines höheren Bewusstseins, die sich von der christlichen Mystik bis zum Zen-Buddhismus finden, und die teilweise in abstrakten Begriffen, teilweise in satten Bildern präsentiert werden, sprechen letztlich alle aus einer solchen und über eine solche Bewusstseinsschicht. Man erkennt plötzlich in diesen Versuchen, das Unsagbare zu sagen, was gemeint ist und weiß zugleich, dass man es nie verstehen würde, hätte man es nicht selbst erlebt. Wie das Vexierbild ist es ein völlig offener und dennoch demjenigen, der den „Sprung“ noch nicht gemacht hat, ein völlig verschlossener Code. Und so wie einem vor dem Sprung jeglicher Ansatz zum Erkennen des Codes fehlt und sein Vorhandensein geradezu absurd wirkt, so banal und selbstverständlich wirkt sein Vorhandensein nach diesem Sprung. Es dann wirkt geradezu absurd, ihn nicht sehen zu können.

In dieses reine Bewusstsein fällt die ganze Erleuchtungsrhetorik zusammen. Es ist immer nur wieder eine Beschwörung dieses Nichts des reinen Bewusstseins. Und nichts ist leichter als aus diesem Nichts immer wieder und immer wieder eine weisheitstrunkene Tautologie oder eine mystische Paradoxie zu schöpfen, über die der Unwissende lacht, die den Ahnenden beeindruckt, die der Wissende abgeklärt bestätigt und die dennoch nicht ansatzweise dasjenige beschreiben kann, was sie beschreiben will. Denn dieses Nichts, das sie beschreiben will – und das selbstverständlich auch durch das Wort „Nichts“ oder „reines Bewusstsein“ oder andere Wörter nicht beschrieben wird – es entzieht sich der Beschreibung nicht nur deswegen, weil Sprache grundsätzlich reduktiv ist, sondern weil es im eminentesten Sinne dasjenige ist, was immer nur beschreibt. Denn zentral an dem Erleben dieses reinen bewusst seins ist nicht der Inhalt dieses Erlebens. Es ist noch nicht einmal die Inhaltslosigkeit dieses Erlebens, die in gewisser Weise Voraussetzung dafür ist. Sondern es ist das Gewahrwerden des Erlebens als vom Erlebten unabhängige Operation und Qualität.

Dieses Gewahrwerden ist ein sehr schlichter Vorgang, der sich eben jenseits des Inhaltes oder Nichtinhaltes nur als eine Modifikation der Bewusstseinshaltung zeigt und der letztlich jeden Bewusstseinsinhalt begleitet, weil er ihn überhaupt erst hervorbringt, von diesem meist nur verdeckt wird. Sich der Welt in dieser Weise erlebend gegenüber zu stellen bedeutet nicht, die Welt zu ändern, sondern nur, sie nicht als Geschehnis sondern als Erlebnis wahrzunehmen und sie so zugleich als etwas unmittelbar eigenes aber auch nur bedingtes zu erkennen. Und als solches ist dieses Erlebnis auch auch nicht die Erfüllung aller Ziele und Zwecke, es ist nicht das Endziel aller karmischen, spirituellen, philosophischen oder biographischen Entwicklungen. Es ist vielmehr eine ganz grundlegende Erfahrung der Einheit, bei der Karma, Spiritualität, Philosophie und Biographie erst beginnen können, sich im eigentlichen Sinne frei zu entfalten.

Was nun mich, als Anthroposoph, an der Entdeckung dieser neuen Erfahrungsschicht besonders überrascht hat, war einerseits die Tatsache, dass sich damit ein Kernanliegen meiner Anthroposophie nicht nur erfüllte, sondern sich auf unprätentiöse Weise in einer Vielzahl spiritueller und meditativer Ansätze wieder erkannte und mir klar wurde, dass hinter der Vielfalt spiritueller Beschreibungen immer wieder diese Erfahrung des Absoluten steckt und dass die ganze Fülle an spirituellen Lebensformen letztlich aus dieser besonderen inneren Haltung entspringt. Andererseits lag eine besondere Überraschung darin, dass die Anthroposophie als spiritueller Schulungsweg im Grunde auf genau diese Dimension der Erfahrung abzielte, dennoch aber im Rückblick alles, was ich ihr an Anleitung und Methodik hierzu entnommen habe, mich in eine völlig andere Richtung geleitet hatte.

Jene Anthroposophie, von der mich abzulösen der Beginn der Entwicklung war, die mich schließlich zu dem geschilderten meditativen Erleben gebracht hatte, führte umfangreiche und komplexe Vorstellungen einer geistigen Welt und ihrer imaginativen, inspirativen und intuitiven Erschließung mit sich. Diese Fülle an präsupponiertem Inhalt, verbunden mit einer pathetischen und teleologischen Entwicklungsrhetorik und der Vorstellung eines primär visionären Charakters einer spirituellen Bewusstseinserweiterung, verstellte mir im Grunde komplett den Zugang zu dieser Erlebnisqualität reiner Bewusstheit. Im Bilde gesprochen versuchte diese Anthroposophie, wie ich sie damals verstanden hatte, das Muster des Vexierbildes mit viel Aufwand auszuradieren, um dahinter das noch viel buntere, eigentliche Bild zu finden, statt sich ohne jede äußere Veranstaltung darauf zu konzentrieren, in dem Gegebenen unmittelbar durch die Veränderung der eigenen Einstellung das Gesuchte zu erkennen. Ich erwartete als Anthroposoph tatsächlich, dass sich im Dunkel der von allen sinnlichen Wahrnehmungen abgeschotteten Innerlichkeit die Vision geistiger Inhalte einstellte und gleichsam nur eine zweite Form der Wahrnehmung die erste ersetzte und ergänzte.

Denn dieses ganz einfache und schlichte Achtsamkeitserlebnis, das ganz aus der Reduktion entsteht und dessen Ambitionen sich in keiner Weise über die schiere Achtsamkeit hinaus erstrecken, tauchte in jener Form der Anthroposophie, die ich gepflegt hatte, nicht auf. Meditation ohne Anspruch auf Visionen, Erkenntnisse, Entwicklungsfortschritt, Übung oder eine andere mit Bedeutung gefütterte Zielsetzung wurde gleichsam als leere und geistferne New-Age-Scharlatanerie abgetan. In dieser Inhalt- und Zweckorientiertheit der meditativen Praxis dieser Anthroposophie taucht deutlich ein Aspekt des protestantischen Ethos wieder auf. Hinzu kommt die Erwartung eines finalen Ereignisses, einer Erleuchtung zum höheren Leben, verbunden mit einer geradezu grotesken Verantwortung für das Schicksal der gesamten Menschheitsentwicklung, in der solche Anthroposophie ihr Ziel sieht und die in ihrem alles irdisch-physische überwindenden Entwicklungsziel jeden menschlichen Zeithorizont überschritt. So galt gleichsam der Umkehrschluss: ein meditatives Erleuchtungserleben, das tatsächlich im Hier und Jetzt stattfindet, kann nicht echt sein. Zurück blieb die ferne Aussicht darauf, sowie die Pflicht, es unbarmherzig anzustreben, aber die Gewissheit, es nie erreichen zu können. Auch dies ein klassisches Motiv protestantischen Erlösungsglaubens: Pflichterfüllung auch im Angesicht der Unerreichbarkeit der Erlösung. Durch diese Überfrachtung mit Finalität und Bedeutung entstand nicht nur ein krankhafter Dualismus zwischen Anspruch und Wirklichkeit sondern auch eine Kultivierung quasi religiöser Praktik, die um ihrer selbst Willen etwas anstrebte ohne konkrete Erfüllung zu finden, während rings umher spirituelle Ströumungen das 20. Jahrhundert bevölkerten, die aus alten oder neuen Quellen schöpfend dem modernen Bewusstsein in unterschiedlichsten Meditationsformen jene Bewusstseinsschicht freizulegen begannen, die ganz unprätentiös die Tür zu demjenigen öffnet, das in der anthroposophischen Terminologie als geistige Welt bezeichnet wird.

Bedauerlich ist dies im Rückblick insbesondere deswegen, weil außer Frage stehen muss, dass Rudolf Steiner diese Tür kannte und nutzte, sie ihm vielleicht wie kaum einem Anderen in unserer Zeit eine gleichsam angeborene Selbstverständlichkeit war. Dies zeigen die durchaus vorhandenen Bemühungen von Steiner, Wege zur geistigen Schulung zu weisen. Dass diese Bemühungen nicht fruchteten sondern Steiner durch seinen auf die Welt zurück gewendeten, sie als geistiges Ereignis verstehenden anthroposophischen Impuls einen ganzen Kosmos der Weltdeutung erschuf, unter dem dieser Zugang gleichsam begraben liegt, das könnte seinen Grund auch darin haben, dass Steiner selbst kein Bewusstsein davon hatte, welcher Schritt normalerweise erforderlich ist, um in einem gewöhnlichen Alltagsbewusstsein diese Schicht aufzufinden, da sie für ihn vielleicht immer schon offen lag. Jedenfalls hat sein Werk bei allen sonstigen erstaunlichen Wirkungen auf diesem Gebiet historisch versagt und wurde von anderen Ströumungen überholt. Und ein wesentlicher Aspekt der Isolation, in der sich die Anthroposophie, was ihr spirituelles Fundament betrifft, derzeit befindet, scheint mir in diesem Defizit zu liegen und in der Tatsache, dass dieses Defizit von anthroposophischer Seite aus nicht als solches erkannt wird und daher Strömungen, welche die latenten Anlagen der Anthroposophie in dieser Hinsicht erwecken könnten, kategorisch abgelehnt und für atavistisch erklärt werden. Die Anthroposophie erscheint im Kontext moderner spiritueller Ströumungen geradezu philiströs: sie ist bepackt mit einer unglaublichen Fülle an theoretischem spirituellem Inhalt und davon inspirierten praktischen Kulturtechniken – vielleicht mehr als jede andere Strömung derzeit – aber dennoch bleibt sie vor den Toren der viel beschworenen geistigen Erfahrung stehen. Was die für atavistisch gehaltenen Ströumungen des New-Age in vielleicht kleinen anfänglichen Schritten an konkreten Erfahrungen tatsächlich machen, das „weiß“ die Anthroposophie zwar schon längst alles und noch viel mehr; das konkrete Erleben fehlt ihr aber. Sie weiß um das höchste Ziel der Menschheitsentwicklung, ist aber gerade dadurch blockiert, den ersten Schritt auch zu tun! Das zumindest ist mein persönlicher Eindruck im Rückblick auf meine Karriere als Anthroposoph und die keineswegs atavistische sondern befruchtende Wirkung der ganz unprätentiösen Hinweise auf die Möglichkeiten des unmittelbaren meditativen Erlebens. Diese Befruchtung, die allerdings erst nach dem radikalen, philosophisch induzierten Abwerfen der Anthroposophie möglich wurde, hat für mich meine Anthroposophie gleichsam aus der selbstverursachten Leichenstarre erweckt und ihr zugleich durch die Relativierung ihres ganzen Inhaltes das erdrückende Gewicht genommen. Ihr eigentliches Anliegen kommt damit hinter all den naïven theoretischen Erwartungen an die geistige Welt erst wirklich zum Vorschein.

Fortsetzung: Die Kultur der Eigentlichkeit

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