Das Kamel im Nadelöhr

Spirituelle Aufklärung 4

Einen Emanzipationsprozess wie denjenigen, den ich hier schildere, darf man sich nicht so linear vorstellen, wie er sich notgedrungen in der Schriftlichkeit darstellt. Der Weg ist natürlich nicht gerade, sondern geschlungen und gewunden, hat Verzweigungen und Irrwege, findet auf den verschiedensten Ebenen statt. Was ich hier beschreibe sind auch nur ein paar wenige Fäden dieses Geflechts. Es gibt im Grund überhaupt keinen Weg. Man schlägt sich wild durchs Dickicht und nur die Schneise, die man hinterlässt, wird rückblickend zum Weg. Aber hinzu kommt, dass neben all der Reflexion, Inspiration und Begegnung mit Neuem einfach auch viel Alltag durchläuft. Und dieser Alltag ist vorwiegend aus der Vergangenheit geprägt, trägt noch überhaupt nicht die Spuren neuer Einsichten und Ansichten. So finden diese Reflexionen auf vielen Ebenen statt, die sich nach und nach erst durchdringen. Was mit dem Denken logisch begriffen ist, findet noch lange kein Echo in der Empfindung und braucht Jahre, bis es die Gewohnheiten berührt.

So hatte ich schon mit ca. 25 Jahren in meiner Begegnung mit dem Werk Nietzsches einen klaren Begriff davon, dass es keine absoluten Prinzipien gibt, dass man Prinzipien allenfalls in einem endlosen Regress aufeinander reduzieren kann, nie aber zu einem Absoluten kommt. Gott ist tot, sagte Nietzsche. Und mit dem Verstand hatte ich dies begriffen. Es dauerte etwa 10 Jahre, bis ich auch die entsprechende Empfindung dazu hatte. Denn der Nihilismus knüpfte sich ausgehend von Nietzsche zunächst nur an abstrakte philosophische Überlegungen und die Relativierung von Prinzipien richtete sich menschlicherseits immer erstmal gegen fremde Prinzipien. Die eigenen Prinzipien zu hinterfragen, zu relativieren und letztlich aufzulösen, ja sie überhaupt nur als solche zu erkennen, ist ein Prozess, der tiefer geht als eine spontane philosophische Reflexion.

Tatsächlich begriff ich aber irgendwann, dass ich radikal jedes Prinzip, jeden Wert, jedes Kriterium, jede für sicher gehaltene Ansicht, jede Gewohnheit und jede Konstante meiner Überzeugungen fallen lassen musste. Dies bedeutete insbesondere auch, jenes Vertrauen fallen zu lassen in dasjenige, was ich als „geistige Welt“ aus meiner Anthroposophie mitgebracht hatte und was im Grunde nichts anderes ist, als eine Form des Mythos vom Paradies oder vom kindlichen Himmel. Was mir als unhintergehbarste Gewissheit galt, nämlich dass der Welt irgend so etwas wie ein höherer Sinn unterliege, wie immer der auch aussah, das musste ich anzweifeln. Dass es gleichsam etwas wie eine Auflösung des Rätsels gab, die über die unmittelbar sinnliche Welt hinaus ging, das musste ich in Frage stellen. Ich musste als Spiritualist, der ich als Anthroposoph war, zuallererst zum radikalen Materialisten werden. Und selbst daran würde ich noch zweifeln müssen.

Wie erwähnt finden diese Prozesse nicht klar erkennbar und linear statt, sondern über lange Zeiträume und in einzelnen, oft zusammenhanglos erscheinenden Schritten. Und so bemerke ich auch erst im Rückblick, dass sich die philosophischen Überlegungen mit Zeitverzug unmittelbar in meinem Lebensgefühl nieder schlugen. Ich begann nicht nur philosophisch zu zweifeln, sondern ich erlebte tatsächlich den Zweifel, ohne ihn aber als diesen zunächst zu erkennen. Ich fiel immer öfter in eine depressive Stimmung, unter der ich zunehmend litt und die sich in unterschiedlichen Formen immer um das selbe Motiv drehte: die Angst vor dem Nichts. An einigen Stellen dieser depressiven Anfälle ging ich durch die Straßen und sah förmlich nicht mehr Häuser, Menschen, Autos und dergleichen, sondern ich sah sie wie Attrappen aus dünner Pappe. Als wären die Fassaden aus Papier und dahinter das endlose, schwarze Nichts. Das, was ich bislang als Wirklichkeit erlebt hatte, zerrieselte mir zwischen den Fingern. Und das waren keine philosophischen Reflexionen sondern mein unmittelbares Erleben. So wie man bei einer guten Fotographie oder einer 3D-Simulation tatsächlich den Eindruck und die reale Wahrnehmung von handgreiflicher Realität haben kann, wie man tatsächlich nicht mehr das Abbild eines Gegenstandes sondern den Gegenstand vor sich sieht, so hatte ich bei der handgreiflichen Wirklichkeit nur noch den Eindruck einer Simulation, eines Abbildes, einer über das Nichts huschenden Projektion.

Diese Stimmung verdichtete sich und führte mich – biographisch, nicht medizinisch ursächlich – bis zu einer schweren Krankheit, die mich tatsächlich auch biologisch vor das Nichts stellte und mir, nicht hypothetisch sondern als konkrete medizinische Aussicht, die Gewissheit des unmittelbar bevorstehenden Todes als Erlebnis zuteil werden ließ. Und da musste ich feststellen, dass all die anthroposophischen Bilder einer höheren Welt, eines nachtodlichen Aufsteigens in Devachane und Bewusstseins-Sphären, die ich früher für so selbstverständlich hielt und die mir den Tod nur als Geburt zu einem höheren Leben machten, nicht mehr verfügbar waren. Der Tod, das war für mich nun nur noch blankes Nichts. Das Ende. Die Negation des Absoluten. Ich erlebte eine totale Ohnmacht und war über drei Monate wie paralysiert durch die Angst vor diesem Nichts des Todes.

Diese ohnmächtige Angst erinnerte mich an ein Gefühl, das ich insbesondere aus meiner Kindheit kannte und das sich bisweilen ganz spontan einstellte, wenn ich über die Frage nachdachte, was für ein Zufall es ist, dass es mich und die Welt gibt und was wohl wäre, wenn die Welt nicht wäre und „wo“ überhaupt die Welt ist; was ist vor und nach ihr, was ist um sie herum? Diese Frage stellte sich mir nicht nur theoretisch sondern in einer ganz realen Vorstellung als existenzielles Problem, das in ein unheimliches Angstgefühl mündete vor der Unbeantwortbarkeit dieser Frage und der Leere, in die alles angesichts dieser Universalfrage zerfiel. Mich überkam als Kind in diesen Momenten ein kurzes aber tiefes Schaudern vor der Gewalt der dunklen Leere, die mir vor das innere Auge trat. Genau dieses Gefühl tauchte nun wieder auf, aber nicht als kurzer Schauer, sondern als andauernde, auf- und abwallende Grundstimmung. Und dieses Gefühl versetzte mich in Panik und Beklemmung.

Aus dieser Ohnmacht meiner Krankheit gegenüber – die sich nach einer kurzen kritischen Phase später harmloser entwickelte als es die ersten Diagnosen erwarten ließen – erweckte mich mein Freund und Arzt Frank Meyer in einem Gespräch, in dem er mir ein paar ganz unspektakuläre Tipps gab, unter anderem einen Verweis auf Jon Kabat-Zinn und dessen meditative Methode zur Stärkung der Selbstheilungskräfte. Bei dem Versuch, diese Meditationen durchzuführen und mich in einen Zustand reiner Aufmerksamkeit zu begeben und alle Bewusstseinsinhalte loszulassen, passierte etwas überraschendes: ich fiel in exakt jenes innere Erleben hinein, das ich als Kind bei meiner Universalfrage fühlte, ich erlebte genau jenen freien Fall ins Nichts, der mich seit 3 Monaten in Angst und Beklemmung versetzte und den ich fürchtete wie der Teufel das Weihwasser – mit einem feinen Unterschied: ich hatte keine Angst! sondern empfand die Leere und das Nichts als reine Stille, Ruhe und Zufriedenheit. Das schwarze Loch war wie durch ein Wunder zu einem weißen Loch geworden. Ich war ihm nicht ausgeliefert, sondern konnte es genießen.

Mit diesem Erlebnis hatte ich nicht nur einen Schlüssel zum aktiven Umgang mit meiner Krankheit und insbesondere mit den sie begleitenden und womöglich viel ursächlicheren Angstzuständen in der Hand. Ich hatte damit auch einen Schlüssel zur Transformation meiner philosophischen Bemühungen in der Hand, mit dem sich das schwarze Nichts des Nihilismus in das weiße Nichts einer spirituellen Aufklärung verwandeln sollte. Und ich hatte damit mein philosophisches Fragen an den existentiellen Ernst eines wahrhaften Fragens zurück gebunden, wie es mich in meiner Kindheit überkommen hatte. Für einen Moment deckten sich in der meditativen Einstellung Philosophie und Alltagsbewusstsein vollständig und mir wurde klar, dass die Angst meiner Krankheit und meine Frage, die ich seit meiner Kindheit mit mir herumtrug und deren existentiellen Tonfall ich nun wieder hörte, ein und das selbe waren. Ich hatte sie nur mit einer ganzen Heilsarmee aus anthroposophischen und anderen Ideologemen zugestellt, die trotz der philosophischen Reflexion erst durch diese existentielle Krise wirklich durchbrochen wurde.

Ich war an einem Punkt angekommen, über den es nicht hinaus ging. Auch philosophisch. Ich hatte gleichsam das letzte theoretische Prinzip hinterfragt, um damit beim Nichts zu landen! Ich war an einem Punkt angekommen, bei dem jedes theoretische Reflektieren versagt und nur das reine, unmittelbare Gewahrwerden dieses Nichts das Bewusstsein bestimmt. Ich war das Kamel im Nadelöhr und spürte, dass ich in diesem Zusammenlaufen meiner philosophsichen Reflexion, meiner Angst, meiner alles umfassenden Frage und dem erlebten Nichts den Angelpunkt meines Seins berührt hatte.

Fortsetzung: Der Hüter der Schwelle ist Anthroposoph

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