Goorhuis und Ziegler über mein Buch

Wer würde sich nicht über Anerkennung freuen? Aber es kommt auch darauf an, wofür man Anerkennung bekommt! Bescheidenheit ist oft nur selektive Anerkennungssucht: der anspruchsvolle Narziss gibt sich nicht mit beliebigem Lob zufrieden: er möchte erst für das gelobt werden, was ihm selbst als die wichtigste Leistung erscheint und nicht für Banalitäten. Deswegen ist die Aufmerksamkeit, die Henk Goorhuis durch seine Rezension in der Novemberausgabe (S. 89) von Info3&#160;<a href="http://www.info3.de"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://www.info3.de" border="0"></a> – aber auch in einem spannenden privaten Austausch – meinem Buch&#160;<a href="http://www.schachtelhalm.net/s9y/archives/6-Buch.html"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: /s9y/archives/6-Buch.html" border="0"></a> geschenkt hat, für mich besonders wertvoll. <br />
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Goorhuis ist überzeugter Konstruktivist und er geht daher in seinem Artikel besonders auf meinen Bezug zur systemisch-konstruktivistischen Perspektiven ein. <cite>"Grauer entwirft dabei eine Linie von Kant über Husserl und Steiner zur Systemtheorie Luhmanns, um dann auch in Rudolf Steiners Werk die konstruktivistische Grundhaltung der Systemtheorie hervorzuheben, wonach jede Weltbetrachtung auch einen aktiven, gestalterischen Aspekt hat und die erscheinende Welt immer auch als Produkt (oder eben als Konstruktion) dieser Weltbetrachtung verstanden werden sollte. (…) Diese systemisch-konstruktivistische Beleuchtung von Steiners Werk erlaubt nun einen völlig neuen Brückenschlag zur modernen Wissenschaft… (…) …dieses kleine Buch könnte einen äußerst wichtigen Beitrag dazu liefern."</cite>&#160;(Info3 11/08, S.89). <br />
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Darin findet sich eine Anerkennung gleich zweier meiner ganz zentralen Anliegen, die hinter der Verfassung des Buches standen: zum Einen die Erkenntnis, dass in Steiners ganzen erkenntnistheoretischen aber auch erkenntnispraktischen, philosophischen wie esoterischen Bemühungen, die letztlich immer wieder auf das Denken fokussieren, eben jene Idee steckt, dass der eigentliche Kern des Seins, das Urwesen alles Seins nicht Substanz, Materie, Geist oder andere Substrate sind, sondern dass sich alles Sein letztlich in einer Aktivität auflöst, auf die Steiner mit Begriffen wie Denken, Erkenntnis, Intuition verweist. Wenn ich mein Buch in einem Satz zusammenfassen sollte, dann würde ich so etwas schreiben wie: "der Ursprung und das Wesen allen Seins ist erkenntnishaft". <br />
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Das andere Anliegen ist die Anerkennung des Konstruktivismus als eines sehr feinsinnigen philosophischen Ansatzes, der auch in Wechselwirkung mit der Anthroposophie, sowohl in ihr als auch in sich, großartige Ideen hervorbringen kann und der keineswegs eine relativistische, egoistische und geistverneinende Theorie ist, sondern eine philosophische Haltung, die bei ihren Vertretern zu einer geradezu noblen theoretischen Zurückhaltung, zu diskursiver Toleranz und reflektiver Ernsthaftigkeit führt. Den Konstruktivismus als solchen zu vertreten, aber auch die Anthroposophie für diese ihr eigentlich immanente Perspektive zu öffnen und sie damit auch an die gegenwärtige philosophische Entwicklung anzuschließen, sind mir besondere Anliegen.<br />
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Hierfür von berufener Seite gelobt zu werden, ist genau die Anerkennung, um derentwillen der Narziss in mir das Buch geschrieben hat. Danke Henk Goorhuis!<br />
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Eine weitere Rezension, die dieser Tage erschienen ist, findet sich in der Zeitschrift "Das Goetheanum"&#160;<a href="http://www.dasgoetheanum.ch/"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://www.dasgoetheanum.ch/" border="0"></a> aus Dornach, bekanntermaßen das offizielle Organ der Anthroposophischen Gesellschaft und der Hochschule am Goetheanum, das der journalistischen Reflexion des anthroposophischen Kulturschaffens gewidmet ist. Sie wurde verfasst von Renatus Ziegler, Mathematiker und Physiker am Forschungsinstitut Hiscia&#160;<a href="http://www.hiscia.ch/mitarbeiter/ziegler.htm"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://www.hiscia.ch/mitarbeiter/ziegler.htm" border="0"></a> . Er war vor ca. 7 Jahren bei einigen der Sitzungen jenes philosophischen Kreises von Jens Heisterkamp in Frankfurt dabei, in dem letztlich die Idee zu meinem Buch gereift ist. Schon dort, aber auch bei der Lektüre seines Buches "Intuition und Ich-Erfahrung" habe ich ihn als jemanden kennen gelernt, der "mit dem Denken Ernst macht" und der insbesondere jene für die Anthroposophie, aber eben auch für phänomenologische, systemische und konstruktivistische Ansätze typische Umstellung des Fokus vom Denkinhalt (der rein analytischen Gültigkeit des Gedankens) auf den Denkakt (der Bewusstseinsoperation als konkretem Phänomen) – oder mit Husserl gesprochen vom Noema auf die Noesis – zum paradigmatischen Ausgangspunkt macht. <br />
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Diese Übereinstimmung – und das zeigt sich auch in der zweiseitigen Behandlung meines Buches – findet aber insbesondere auf der pragmatischen Ebene statt. Bei Zieglers Rezension zieht der Narziss in mir seine Genugtuung nicht nur daraus, dass mein Buch überhaupt zur Kenntnis genommen wird, sondern dass es als <cite>"eine mit Denk und Erlebensfreude zu lesende Einführung in eine monistische Erkenntnistheorie"</cite>&#160;(Das Goetheanum Nr. 49/08, S. 7-8) bezeichnet wird. <cite>"Das eigene Denken wird herausgefordert und nicht ersetzt: Erkenntnistheorie als persönliche Erlebnispraxis."</cite>&#160;(ebd.) Renatus Ziegler ist einer jener doch seltenen Menschen, denen Denken ein echtes Anliegen ist und das spiegelt sich für mich und meinen Narziss in seiner Rezension als Anerkennung wieder, die ich dankend aufnehme und die ganz und gar unbeschadet davon bleibt, dass wir offenbar inhaltlich nicht zur selben Position finden. <br />
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Das schöne an der Rezension ist, das Renatus Ziegler meine Gedanken präzise verstanden und wiedergegeben hat. Durch einen Konjunktiv will er mir ein Hintertür öffnen, die ich aber gar nicht brauche, denn es trifft exakt das, was ich meine, wenn er schreibt <cite>"Mir scheint als würde Grauer Verschiedenheit und Unterscheidung identifizieren und damit den Erkenntnisakt zum Seins- oder Schöpfungsakt (im Kontrast zum Bewusstseinsakt) machen. Damit wird Erkenntnistheorie zur Ontologie und Bewusstseinsentwicklung zur Weltentstehung."</cite>&#160;(a.a.O.) Ganz genau! Allerdings nicht "im Kontrast zum Bewusstseinsakt" sondern "als Bewusstseinsakt". <br />
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Für mich wird nicht ganz klar, ob Renatus Ziegler meinem Monismus wirklich einen Dualismus entgegenstellen will. Es hat zunächst den Anschein, ich gebe aber auch zu, dass mein Begriff des "ontologischen Monismus" etwas dunkel ist. Dahinter steht der Versuch, die offensichtlichen Schwächen eines radikalen Monismus zu relativieren. Unter ontologischem Monismus verstehe ich die Auffassung, dass das Sein nur dann wirklich als monistische Einheit zu bezeichnen ist, solange es als ununterschiedenes Sein, gleichsam als bloßes Welt-Potential verstanden wird. Sobald es zur Erscheinung und damit zum Seienden und Existierenden wird – also zur eigentlichen "Welt" – so entäußert es sich schon in eine Dualität, die sich in dem Begriff der Unterscheidung findet. Wo immer uns Welt begegnet, begegnet sie uns notwendigerweise dualistisch. Der Dualismus ist gleichsam im "Begegnen" bereits eingebaut. Zugleich ist aber in der Unterscheidung auch die Einheit immer schon eingebaut, weil nur unterschieden werden kann, was Eins ist und weil der Akt des Unterscheidens zugleich das Unterschiedene gleichsam als Objekte der einen Unterscheidung verbindet. Dieses Eins sein ist aber kein existierender, sondern nur ein potentieller Zustand, der das Sein als allgemeinste Spezifikation all dessen, was ist, charakterisiert. Erkenntnis und mit ihr die erscheinende Welt ist stets dualistisch, Einheit verbürgt nur die der Erkenntnis zugrunde liegende schiere Operationalität des Bewusstseins, die durch Unterscheidung diesen Dualismus erst schafft. Das ist mit dem Zusatz "ontologisch" zum Monismus gemeint und ich glaube, dass wir in diesem Punkt, nämlich der Ansicht, dass die Welt in letzter Konsequenz trotz aller Dualität einen ungeteilten Urgrund hat, zu einer Einigung finden können. <br />
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Wo die Kritik von Renatus Ziegler m.E. wirklich ansetzt, wird deutlich, wenn er meinem Verweis auf Steiners "das Subjekt lebt nur von des Denkens Gnaden" entgegen hält, dass diese Sicht nur für die analytisch-begriffliche Bestimmung des Ichs als Subjekt gilt und damit das Denken dem Subjekt nur systematisch voraus geht, dass aber eben dieses Bestimmen als Denkakt abhängig ist von meinem individuellen Ich, das den Denkakt hervorbringt. Dieses Argument ist glasklar und nachvollziehbar und vor dem Hintergrund der gesamten mitteleuropäischen Philosophiegeschichte fast trivial. Dennoch wendet es sich natürlich gegen einen der Kernpunkte meines Buches, gegen das, was ich im Rückgriff auf eine Formulierung Kants in einem Vortrag einmal als dritte Kopernikanische Wende bezeichnet habe und das mir wie ein Erweckungserlebnis durch die Lektüre der Systemtheorie von Niklas Luhman klar geworden ist: die Infragestellung des ontologischen Primats des Agens gegenüber dem Akt und die Formulierung der Idee, dass nicht das Agens den Akt, sondern der Akt das Agens hervor- oder besser vielleicht mit sich bringt. <br />
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Gerade in anthroposophischem Umfeld entzünden sich in Diskussionen gerade an dieser Idee immer wieder die engagiertesten Debatten und es stellt sich der Widerspruch für mich bisweilen weniger als rationale Überzeugung, sondern vielmehr als eine subtile Form der Angst vor dem Verlust des eigenen Ichs als letzter Bastion der Unhintergehbarkeit dar. Auch ich kenne diese Angst, denn sie ist eine systematische Angst, notwendig mit dem Ich und seinen Konstitutionsbedingungen verbunden. Und in ihr scheint mir das selbe Element zu liegen, das konstruktivistischen Ansätzen insgesamt als Vorbehalt oft entgegensteht: der vermeintliche Verlust eines sichernden Grundes, einer Verlässlichkeit und das Aufgehen jeglichen Sinns in relativistischer Beliebigkeit. Nicht dass das irgend ein Beweis für irgend etwas wäre, aber es ist ein Symptom dafür, dass dieses Problem nicht nur an die Grundfesten der Philosophie reicht, sondern auch an die existenziellsten Fragen, mit denen sich der Mensch überhaupt konfrontiert sehen kann. Und ich könnte mir nichts spannenderes vorstellen, als gerade an diesem Punkt in eine vertiefende Diskussion mit einem Gesprächspartner wie Renatus Ziegler einzutreten. Vielleicht ergibt sich in irgend einer Form die Möglichkeit dazu, denn es liegt mir fern, an dieser Stelle nun zu glauben, die Kritik von Ziegler irgendwie widerlegen zu müssen. Vielmehr möchte ich sie dankend auf- und zum Anlass nehmen, in einen philosophischen Dialog zu finden – jene Aktivität, in der das philosophische Herz seine höchste Bestimmung sieht.<br />

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