Category Archives: Anthroposophie

Steiner individuell

Am 10. November 2011 um 19:30 werde ich im Ackermannshof in Basel mit Taja Gut und Andreas Laudert über unsere anthroposophische Emanzipationsliteratur. Moderiert wird die Veranstaltung von Jens Heisterkamp (Info3) und zu Gast sind wir im Philosophicum von Stefan Brotbeck. Veranstalter sind der Futurum Verlag und der Info3-Verlag. Der Eintritt ist frei.

Text der Veranstalter: „Sich als Anthroposoph mit Rudolf Steiner in Beziehung zu setzen ist eine Herausforderung, die sich für jede Generation neu stellt. Im Futurum Verlag (Pforte Verlag) sind in jüngster Zeit die Bücher dreier Autoren erschienen, die sich in besonders origineller und individueller Form mit ihrer eigenen Beziehung zum Werk Steiners auseinandersetzen. Taja Gut, Andreas Laudert und Christian Grauer haben dabei auf je eigene Weise zu einem authentischen Verhältnis zu Steiner gefunden. Im Gespräch erzählen sie über ihre Wege zwischen Impulsieren-Lassen und Aneignung, aber auch Erneuerung und selbständiger Distanz.“

Endstation Dornach – Das sechste Evangelium

Ein Jahrhundert haben wir gewartet. Jetzt geht es endlich weiter. Das sechste Evangelium: es kommt!

http://www.endstation-dornach.de/

Felix Hau, Christoph Kühn, Ansgar Martins und meine Wenigkeit diskutieren mit viel Spaß über Anthroposophie, genießen Geistiges, finden Pfade und besuchen Dornach. Einen Vorgeschmack findet man in einem Vorabdruck eines Kapitels auf der eigens eingerichteten Website!

Also was muss man dazu noch sagen? Nichts außer: Bestellen!! Denn wer jetzt schon vorbestellt, bekommt nicht nur Rabatt sondern hilft, das Jahrhundertwerk zu realisieren.

Genie und Dilettant – Annäherungen an ein Faszinosum

Vor einiger Zeit hatte ich anlässlich eines Betriebsausfluges nach Dornach die Gelegenheit, nicht nur das Goetheanum, sondern auch das Steiner-Archiv und den Goetheanum-Verlag zu besuchen. Es war nicht das erste Mal, dass ich in Dornach war, aber es war das erste Mal, dass ich diesen Ort wirklich besichtigt habe. Mit einer Goetheanum-Führung, der Besichtigung des Menschheitsrepräsentanten, einer Führung durchs Archiv, den Anblick des roten Fensters und einem Spaziergang durch die umliegenden Gebäude. Dabei begegnete mir Erschreckendes.

Als Anthroposoph ist man Steiners Werken gegenüber grundsätzlich wohlwollend eingestellt und so trat ich auch mit gespannter Erwartung vor das so genannte „rote Fenster“, ein riesiges Fenster aus geschliffenem roten Glas, das über dem Westportal des Goetheanums angebracht ist. Man betrachtet es von innen heraus, so dass das Außenlicht hindurchfällt und den Raum dahinter – das Treppenhaus – in ein warmes Rot taucht. Die intensive Farbe und die schiere Größe des Fensters sowie die gebotenen Stille aufgrund einer Veranstaltung im benachbarten Saal ließen eine andächtige Stimmung anheben, die aber sehr schnell der Ernüchterung und einer überraschenden Erkenntnis wich.

Mit den frischen Eindrücke der architektonischen Werke Steiners und der Erinnerung an den Vortrag von Walter Kugler über die Begeisterung der Kunstszene für die Tafelzeichnungen Steiners stehe ich vor diesem roten Fenster, sehe diese bodenlos dilettantische Ästhetik und mir wird plötzlich klar, woher dieser mir in allen Bereichen Steiners begegnende Dilettantismus her rührt und warum er mich – und offenbar viele andere – dennoch nicht davon abhält, mich mit Steiner zu beschäftigen. Auf dem Rundgang über den Dornacher Hügel ist man auf Schritt und Tritt mit den sinnlich wahrnehmbaren Ergebnissen und den denkmalhaft konservierten Relikten der Steinerschen Ideenwelt konfrontiert und man begegnet dort so manchem skurrilen Werk. Aber man begegnet dort auch Dokumenten, die einen Einblick in die Entstehung dieser Werke, in den kreativen Prozess und die zugrunde liegenden Ideen Steiners geben. Und man spürt, dass dieses Goetheanum ein Ort inspirierter Kulturtätigkeit war, dass es aber ebenso ein Mausoleum für die merkwürdigen Überreste dieser Kulturtätigkeit ist. Und man stellt sich Steiner vor, wie er an diesem Ort unter den Menschen gewirkt hat, die sich hier versammelt haben, wie all das ganz konkret stattgefunden hat, was man aus jahrelanger Lektüre kennt. Und da stand nun plötzlich ein ganz klares Bild vor mir.

Steiner war kein eremitisch in akribische Arbeit versunkener Denker. Er war immer umgeben von Menschen, die er inspirierte und die ihm Ideen abforderten. Er hielt Vorträge und begleitete Veranstaltungen. Er reiste mit Modernsten Fahrzeugen durch ganz Europa und trat teilweise auf wie ein Popstar. Keiner seiner Vorträge gleicht dem anderen, er sprach frei und entwickelte seine Ideen nicht selten spontan vor Ort. Alles Akribische, Pedantische und Prinzipialistische bezeichnete er verächtlich als „philiströs“. Wo immer Rudolf Steiner versucht hat, seine Ideen weiter als bis zur Skizzenhaftigkeit in eine konkrete Gestalt zu bringen, da neigt er dazu, sich in Unprofessionalität und Dilettantismus zu verlieren. Seine Domäne war das lebendige, kreative und inspirative Denken. Das Erfassen von flüchtigen Ideen und unkonventionellen Ansätzen, das Vorahnen von Entwicklungen und die Zusammenschau komplexer Zusammenhänge. Aus der unmittelbaren Betrachtung der Phänomene entwickelte er Typologien, die formal schwer zu greifen sind, die aber erstaunliche Erklärungsmodelle für komplexe systematische Zusammenhänge abgeben. Der ‚Geist‘, in dem er arbeitete und von dem er sich inspiriert fühlte war nicht das konkrete Einzelne, sondern das Prinzipielle, nicht die perfekte und akribische Umsetzung sondern die lebendige und spontane Skizze.

Detlef Hardorp, der Berlin-Brandenburgische Bullterrier der anthroposophischen Öffentlichkeitsarbeit, hat in einem Zusammenhang, der hier nicht unbedingt wichtig ist (es ging um eine Aussage Steiners über Physik) in sehr treffenden Worten diese Eigenschaft Steiners beschrieben: „von außen betrachtet stochert er unprofessionell in allen möglichen Gebieten herum, und trifft mit unverschämter Sicherheit immer wieder Goldadern, auch wenn er nicht den wissenschaftlichen Apparat bieten kann, mit dem das dann meist später von anderen wesentlich vollständiger gemacht wird.“

Auf dem Goetheanum-Hügel begegnet man zunächst all diesen Werken, in denen Steiner versucht hat, aus seinen skizzenhaften Visionen fertige Werke zu machen. Und immer wieder muss man sehen, wie er daran scheitert. Auch sein schriftliches Werk trägt deutlich den Charakter der Vorläufigkeit: keines seiner Werke genügt den formalen Anforderungen eines wissenschaftlichen Werkes. Mit Quellennachweisen hat sich Steiner nicht aufgehalten und so werden andere Autoren nicht selten falsch zitiert oder ohne weiteren Hinweis einfach übernommen. Auch hält sich Steiner selten damit auf, Belege oder Beweise für seine Ideen zu finden. Die kritische Analyse und die akribische Sammlung von Belegen und Nachweisen und das Ausarbeiten von Vollständigkeit sind nicht Steiners Anliegen. Und wo er es versucht hat – im roten Fenster beispielsweise – da hätte er auch lieber darauf verzichtet. Schaut man sich beispielsweise in chronologischer Folge die Gebäude in Dornach an, die Steiner entwarf, so erkennt man deutlich die originelle und durchaus kulturgeschichtlich relevante architektonische Idee, die sich darin entwickelt. Betrachtet man aber die einzelnen Häuser als fertige Werke, so fehlt auch hier das nötige Maß an Professionalität, das erlauben würde, von gelungener Architektur zu sprechen. Umso schlimmer, wenn diese Ästhetik immer und immer wieder auf platte und rein formale Weise kopiert und für „anthroposophische Architektur“ gehalten wurde. Bezeichnend auch, dass das jüngste Haus von Steiner kaum noch die typischen Züge „anthroposophischer Architektur“ trägt sondern einer überaschenden Schlichtheit und Reduktion auf klare, rechtwinklige Formen folgt. Das Ausmaß der formalen Entwicklung von Steiners architektonischen Ideen, die sich in der Abfolge seiner Häuser zeigt – schon erstes und zweites Goetheanum lassen dies erahnen – übersteigt dasjenige der knapp hundert Jahre seiner Epigonen um ein Vielfaches. Was hier nur konservierte formale Tradition ist, war bei Steiner nur Momentaufnahme und Skizze einer sich stets neu erfindenden Inspiration.

Steiners Werk ist nicht das, was wir in Händen halten, sondern es sind seine Anregungen, seine Visionen und Inspirationen, die skizzenhaften Ideen, denen kein Begriff zu groß und kein Ziel zu fern sein konnte. Er war Impulsgeber für Reformschulen ebenso wie für alternative Medizin, er arbeitete an gesellschaftspolitischen Konzepten ebenso wie an den Ansätzen einer organischen Architektur. In diesen Bereichen entwickelte er geradezu übermenschliche Energien. Doch all diese Dinge konnten nicht Realität werden, hätten nicht viele andere Menschen, mit Sachverstand und fachlich versiert die vagen Ideen Steiners aufgegriffen, ausgearbeitet und umgesetzt. Steiners Werk lebt denn auch zum größten Teil in seiner Umwelt, in all den Menschen, die seine Anregungen aufgegriffen und ausgearbeitet haben. Und so wie er seine Ideen an andere Weitergegeben hat, damit sie dort auf fruchtbaren Boden fielen, so hat er sich auch nicht gescheut, fremde Ideen zu integrieren und in eigener Weise zusammenzubringen, um neue Inspirationen daraus zu gewinnen. Die Sorgfalt, seine Quellen ausführlich darzulegen, vermisste er dabei allerdings.

Halmut Zander hat in seinem vielbeachteten Buch „Die Anthroposophie in Deutschland“ versucht, sich durch eine historisch-kritische Analyse dem Faszinosum Steiner zu näheren. Doch das Buch, dessen fast 2000 Seiten sich wie der Abschlussbericht einer Steuerprüfung lesen, bleibt methodisch absichtlich auf einer Ebene, auf der Steiner nicht zu finden ist. So kann Zander nachvollziehbar die äußeren Verbindungen Steiners mit seinem geistesgeschichtlichen Kontext erklären, er kann all die Quellennachweise nachliefern, die Steiner für verzichtbar hielt, aber er kann nicht erklären, was das Faszinosum an Steiner ist. Zander sieht gleichsam nur das rote Fenster in seiner dilettantischen Ästhetik. Den Visionär Steiner, den Ideengeber Steiner, den Inspirator und unkonventionellen Denker Steiner, den Skizzierer Steiner, den entdeckt er nicht, weil sich dieser in seiner Immaterialität, seiner geistigen Flüchtigkeit einer historisch-kritischen Wissenschaft notwendigerweise entzieht. Zander trägt dazu bei, viele Mythen und Legenden, die sich um Steiner ranken, zu entlarven und er zeigt das auf, was mir beim Betrachten des roten Fensters deutlich wurde: dass Steiner dort, wo es in die konkrete fachliche oder künsterische Ausarbeitung seiner Ideen geht, oft nur haarsträubendes Mittelmaß ablieferte. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, was ich beim Betrachten noch nicht wusste, dass nämlich das rote Fenster nicht von Steiner selbst ausgeführt wurde, sondern von Assja Turgenjeff. Gleichwohl entstand es als Teil eines Gesamtkunstwerkes unter seiner Federführung und steht hier auch nur als Beispiel und konkreter Anlass für eine Erkenntnis, die sich durchaus auf eine breitere Kenntnis des Werkes von Steiner stützt.

Steiner-PuppeAllein den wahren Steiner, den, der in der Anthroposophischen Bewegung bereits ein ganzes Jahrhundert überlebt hat und der auch heute noch Menschen fasziniert und inspiriert – selbst Zander spricht mehrfach von der Faszination, die Steiner auf ihn ausübt – den wird man auf diese Weise nicht greifen können. Ihn wird man nur erfassen, wenn man seine Ideen ebenso lebendig und kreativ auffasst, wie er sie gedacht und skizziert hat. Jede Form der Stereotypisierung, der Manifestierung in systematischen Kategorisierungen und der Verabsolutierung seiner Visionen muss scheitern und zu einem schieren Zerrbild dessen verkommen, was Steiner inspirierte.

Das ist es, was an den bewundernden Blicken, die dem roten Fenster und anderen Kuriositäten auf dem Goetheanumgelände wie Reliquien entgegengebracht werden, so verwundern kann. Kein Kunstkenner würde auch nur einen Pfennig für das rote Fenster geben. Doch interessanterweise interessiert sich die Kunstszene brennend für diejenigen Werke, die überhaupt keine Werke im eigentlichen Sinne sind, die nur beiläufig entstandene und von findigen Zeitgenossen festgehaltene Skizzen sind, die Steiner während der öffentlichen Entwicklung von Ideen an die Tafel geschmiert hat und die für Anthroposophen zunächst rein informativen Charakter hatten und lediglich als Reliquien aufbewahrt wurden. Steiners Skizzen auf schwarzer Pappe haben im 21. Jahrhundert den Weg nach NewYork und Paris gefunden. Denn in ihnen lebt jener inspirierte Geist, von dem sich Anthroposophen angezogen fühlen. Und in der skizzenhaften Form findet Steiner auch einen ästhetischen Ausdruck, der völlig frei von der schwerfälligen, dilettantischen Konstruiertheit des roten Fensters ist und der offenbar erst heute vom allgemeinen künstlerischen Empfinden eingeholt wird.

Aber sowenig das Buch von Zander auch den Steiner findet, der die Menschen inspiriert, so könnte es, wenn es von Anthroposophen sachgemäß – und das heißt eben nicht als Angriff sondern als historische Analyse – gelesen würde, dazu führen, all jenen Personenkult und jene Verherrlichung Steiners um seiner selbst Willen kritisch zu hinterfragen und zu einem unbefangenen Urteil gegenüber solchen Fürchterlichkeiten wie dem roten Fenster zu gelangen, statt sie zu glorifizieren, nur weil sie von des Meisters Hand geschaffen wurden. Zanders Analyse konturiert am Ende exakt jenen Steiner, dessen bedingungslose Verehrung nicht nur ihn selbst sondern jeden normal empfindenden Menschen beschämen muss. Man kann geradezu Zanders Analyse als Subtrahenden verwenden, um von der real existierenden Anthroposophie all dasjenige abzuziehen, was blinder Dogmatismus, leerer Personenkult und schiere Geschmacksverirrung ist. Nicht um Steiner zu diskreditieren, sondern um sein wahres Genie freizulegen, zu aktivieren und sich von ihm neu inspirieren zu lassen; um seine vorausschauenden und zeitlosen Ideen weiter zu entwickeln und sich mehr in der Methode als im Ergebnis an ihm zu orientieren und nicht in der Verabsolutierung von Mittelmäßigkeiten zu schwelgen. Auf diese Weise könnte Zanders Buch ex negativo befreiend wirken und bei einer etwas subtileren anthroposophischen Rezeption, als sie beispielsweise aus der aktuellen Rezensionen von Ravagli tönt, doch noch zur wahren Entdeckung des Faszinosums Steiner führen!

Dieser Artikel wurde in der September-Ausgabe 2009 der Zeitschrift info3 in leicht überarbeiteter Form abgedruckt.
Bildquelle Titelbild: AnthroWiki, veröffentlicht unter GNU FDL 1.2.

Das Kamel im Nadelöhr

Spirituelle Aufklärung 4

Einen Emanzipationsprozess wie denjenigen, den ich hier schildere, darf man sich nicht so linear vorstellen, wie er sich notgedrungen in der Schriftlichkeit darstellt. Der Weg ist natürlich nicht gerade, sondern geschlungen und gewunden, hat Verzweigungen und Irrwege, findet auf den verschiedensten Ebenen statt. Was ich hier beschreibe sind auch nur ein paar wenige Fäden dieses Geflechts. Es gibt im Grund überhaupt keinen Weg. Man schlägt sich wild durchs Dickicht und nur die Schneise, die man hinterlässt, wird rückblickend zum Weg. Aber hinzu kommt, dass neben all der Reflexion, Inspiration und Begegnung mit Neuem einfach auch viel Alltag durchläuft. Und dieser Alltag ist vorwiegend aus der Vergangenheit geprägt, trägt noch überhaupt nicht die Spuren neuer Einsichten und Ansichten. So finden diese Reflexionen auf vielen Ebenen statt, die sich nach und nach erst durchdringen. Was mit dem Denken logisch begriffen ist, findet noch lange kein Echo in der Empfindung und braucht Jahre, bis es die Gewohnheiten berührt.

So hatte ich schon mit ca. 25 Jahren in meiner Begegnung mit dem Werk Nietzsches einen klaren Begriff davon, dass es keine absoluten Prinzipien gibt, dass man Prinzipien allenfalls in einem endlosen Regress aufeinander reduzieren kann, nie aber zu einem Absoluten kommt. Gott ist tot, sagte Nietzsche. Und mit dem Verstand hatte ich dies begriffen. Es dauerte etwa 10 Jahre, bis ich auch die entsprechende Empfindung dazu hatte. Denn der Nihilismus knüpfte sich ausgehend von Nietzsche zunächst nur an abstrakte philosophische Überlegungen und die Relativierung von Prinzipien richtete sich menschlicherseits immer erstmal gegen fremde Prinzipien. Die eigenen Prinzipien zu hinterfragen, zu relativieren und letztlich aufzulösen, ja sie überhaupt nur als solche zu erkennen, ist ein Prozess, der tiefer geht als eine spontane philosophische Reflexion.

Tatsächlich begriff ich aber irgendwann, dass ich radikal jedes Prinzip, jeden Wert, jedes Kriterium, jede für sicher gehaltene Ansicht, jede Gewohnheit und jede Konstante meiner Überzeugungen fallen lassen musste. Dies bedeutete insbesondere auch, jenes Vertrauen fallen zu lassen in dasjenige, was ich als „geistige Welt“ aus meiner Anthroposophie mitgebracht hatte und was im Grunde nichts anderes ist, als eine Form des Mythos vom Paradies oder vom kindlichen Himmel. Was mir als unhintergehbarste Gewissheit galt, nämlich dass der Welt irgend so etwas wie ein höherer Sinn unterliege, wie immer der auch aussah, das musste ich anzweifeln. Dass es gleichsam etwas wie eine Auflösung des Rätsels gab, die über die unmittelbar sinnliche Welt hinaus ging, das musste ich in Frage stellen. Ich musste als Spiritualist, der ich als Anthroposoph war, zuallererst zum radikalen Materialisten werden. Und selbst daran würde ich noch zweifeln müssen.

Wie erwähnt finden diese Prozesse nicht klar erkennbar und linear statt, sondern über lange Zeiträume und in einzelnen, oft zusammenhanglos erscheinenden Schritten. Und so bemerke ich auch erst im Rückblick, dass sich die philosophischen Überlegungen mit Zeitverzug unmittelbar in meinem Lebensgefühl nieder schlugen. Ich begann nicht nur philosophisch zu zweifeln, sondern ich erlebte tatsächlich den Zweifel, ohne ihn aber als diesen zunächst zu erkennen. Ich fiel immer öfter in eine depressive Stimmung, unter der ich zunehmend litt und die sich in unterschiedlichen Formen immer um das selbe Motiv drehte: die Angst vor dem Nichts. An einigen Stellen dieser depressiven Anfälle ging ich durch die Straßen und sah förmlich nicht mehr Häuser, Menschen, Autos und dergleichen, sondern ich sah sie wie Attrappen aus dünner Pappe. Als wären die Fassaden aus Papier und dahinter das endlose, schwarze Nichts. Das, was ich bislang als Wirklichkeit erlebt hatte, zerrieselte mir zwischen den Fingern. Und das waren keine philosophischen Reflexionen sondern mein unmittelbares Erleben. So wie man bei einer guten Fotographie oder einer 3D-Simulation tatsächlich den Eindruck und die reale Wahrnehmung von handgreiflicher Realität haben kann, wie man tatsächlich nicht mehr das Abbild eines Gegenstandes sondern den Gegenstand vor sich sieht, so hatte ich bei der handgreiflichen Wirklichkeit nur noch den Eindruck einer Simulation, eines Abbildes, einer über das Nichts huschenden Projektion.

Diese Stimmung verdichtete sich und führte mich – biographisch, nicht medizinisch ursächlich – bis zu einer schweren Krankheit, die mich tatsächlich auch biologisch vor das Nichts stellte und mir, nicht hypothetisch sondern als konkrete medizinische Aussicht, die Gewissheit des unmittelbar bevorstehenden Todes als Erlebnis zuteil werden ließ. Und da musste ich feststellen, dass all die anthroposophischen Bilder einer höheren Welt, eines nachtodlichen Aufsteigens in Devachane und Bewusstseins-Sphären, die ich früher für so selbstverständlich hielt und die mir den Tod nur als Geburt zu einem höheren Leben machten, nicht mehr verfügbar waren. Der Tod, das war für mich nun nur noch blankes Nichts. Das Ende. Die Negation des Absoluten. Ich erlebte eine totale Ohnmacht und war über drei Monate wie paralysiert durch die Angst vor diesem Nichts des Todes.

Diese ohnmächtige Angst erinnerte mich an ein Gefühl, das ich insbesondere aus meiner Kindheit kannte und das sich bisweilen ganz spontan einstellte, wenn ich über die Frage nachdachte, was für ein Zufall es ist, dass es mich und die Welt gibt und was wohl wäre, wenn die Welt nicht wäre und „wo“ überhaupt die Welt ist; was ist vor und nach ihr, was ist um sie herum? Diese Frage stellte sich mir nicht nur theoretisch sondern in einer ganz realen Vorstellung als existenzielles Problem, das in ein unheimliches Angstgefühl mündete vor der Unbeantwortbarkeit dieser Frage und der Leere, in die alles angesichts dieser Universalfrage zerfiel. Mich überkam als Kind in diesen Momenten ein kurzes aber tiefes Schaudern vor der Gewalt der dunklen Leere, die mir vor das innere Auge trat. Genau dieses Gefühl tauchte nun wieder auf, aber nicht als kurzer Schauer, sondern als andauernde, auf- und abwallende Grundstimmung. Und dieses Gefühl versetzte mich in Panik und Beklemmung.

Aus dieser Ohnmacht meiner Krankheit gegenüber – die sich nach einer kurzen kritischen Phase später harmloser entwickelte als es die ersten Diagnosen erwarten ließen – erweckte mich mein Freund und Arzt Frank Meyer in einem Gespräch, in dem er mir ein paar ganz unspektakuläre Tipps gab, unter anderem einen Verweis auf Jon Kabat-Zinn und dessen meditative Methode zur Stärkung der Selbstheilungskräfte. Bei dem Versuch, diese Meditationen durchzuführen und mich in einen Zustand reiner Aufmerksamkeit zu begeben und alle Bewusstseinsinhalte loszulassen, passierte etwas überraschendes: ich fiel in exakt jenes innere Erleben hinein, das ich als Kind bei meiner Universalfrage fühlte, ich erlebte genau jenen freien Fall ins Nichts, der mich seit 3 Monaten in Angst und Beklemmung versetzte und den ich fürchtete wie der Teufel das Weihwasser – mit einem feinen Unterschied: ich hatte keine Angst! sondern empfand die Leere und das Nichts als reine Stille, Ruhe und Zufriedenheit. Das schwarze Loch war wie durch ein Wunder zu einem weißen Loch geworden. Ich war ihm nicht ausgeliefert, sondern konnte es genießen.

Mit diesem Erlebnis hatte ich nicht nur einen Schlüssel zum aktiven Umgang mit meiner Krankheit und insbesondere mit den sie begleitenden und womöglich viel ursächlicheren Angstzuständen in der Hand. Ich hatte damit auch einen Schlüssel zur Transformation meiner philosophischen Bemühungen in der Hand, mit dem sich das schwarze Nichts des Nihilismus in das weiße Nichts einer spirituellen Aufklärung verwandeln sollte. Und ich hatte damit mein philosophisches Fragen an den existentiellen Ernst eines wahrhaften Fragens zurück gebunden, wie es mich in meiner Kindheit überkommen hatte. Für einen Moment deckten sich in der meditativen Einstellung Philosophie und Alltagsbewusstsein vollständig und mir wurde klar, dass die Angst meiner Krankheit und meine Frage, die ich seit meiner Kindheit mit mir herumtrug und deren existentiellen Tonfall ich nun wieder hörte, ein und das selbe waren. Ich hatte sie nur mit einer ganzen Heilsarmee aus anthroposophischen und anderen Ideologemen zugestellt, die trotz der philosophischen Reflexion erst durch diese existentielle Krise wirklich durchbrochen wurde.

Ich war an einem Punkt angekommen, über den es nicht hinaus ging. Auch philosophisch. Ich hatte gleichsam das letzte theoretische Prinzip hinterfragt, um damit beim Nichts zu landen! Ich war an einem Punkt angekommen, bei dem jedes theoretische Reflektieren versagt und nur das reine, unmittelbare Gewahrwerden dieses Nichts das Bewusstsein bestimmt. Ich war das Kamel im Nadelöhr und spürte, dass ich in diesem Zusammenlaufen meiner philosophsichen Reflexion, meiner Angst, meiner alles umfassenden Frage und dem erlebten Nichts den Angelpunkt meines Seins berührt hatte.

Fortsetzung: Der Hüter der Schwelle ist Anthroposoph

Da tat der Kommissar das einzig richtige: er wurde absurd!

Spirituelle Aufklärung 3

Der Ausweg aus meiner anthroposophischen Sekte war, wie schon früher geschildert, tatsächlich eine äußerst rationale Überlegung, ausgelöst von der Unzufriedenheit, die dieses so vollkommen erscheinende, in Wahrheit einfach nur hermetische Weltbild bei mir auslöste. Dies begann mit philosophischen Überlegungen, insbesondere mit dem Studium erkenntnistheoretischer Schriften der großen Philosophen und dem Versuch, dies in die Anthroposophie, so wie ich sie verstand, zu integrieren. Dabei reifte nach und nach die Vorstellung heran, dass Bewusstsein nicht jenes innerliche Kino ist, das auf das Einschalten des Geistesweltprojektors wartet, sondern dass Bewusstsein primär eine funktionale und operative Dimension hat und dass „Geist“ in diesem Sinne nicht etwas über die Materie und die Sinnlichkeit hereinbrechendes ist, sondern das eigentliche Sein der Sinnlichkeit, sofern wir sie als Bewusstseinstatsache auf uns, auf das Bewusstsein selbst und auf eine über das materielle Sein hinausgehende Bedeutung beziehen. Erst viel später wurden diese Erkenntnisse dann zu jener konstruktivistischen Philosophie, die ich heute vertrete. Interessant für mich war aber, dass im Grunde an jeder Stelle dieses Weges die sich radikal verändernden Ansichten problemlos Steiners erkenntnistheoretische Überlegungen aus seinem Frühwerk integrierten, wenngleich in modifizierter Lesart. Sie erschlossen sich überhaupt erst in ihrem ganzen Ausmaß und in einer Konsequenz, die auch das Spätwerk in einem neuen Licht erscheinen ließ.

Ein anderer Weg, der gleichfalls von Steiner ausging, führte mich zu Nietzsche, in dem ich erstmals die eigentliche Radikalität der monistischen Freiheitsphilosophie Steiners erkannte. Die rhetorische Wucht und das brilliante, kompromisslose Denken Nietzsches riss mich mit in sein nihilistisches Infragestellen der gesamten Welt und ließ mich philosophisch abstrakt jenem Nichts begegnen, auf dem wir die Welt gründen. Während mich in langer Beschäftigung mit Kant zwar dessen Transzendentale Wende in der Erkenntnistheorie, nicht aber seine praktische Philosophie überzeugen konnte, fand ich durch Nietzsche den Hedonismus als einzig mögliche Ethik, da sie auf kein unhintergehbares Prinzip baut, sondern im Grunde nur die These aufstellt, dass jedes moralische Prinzip in letzter Konsequenz Ausdruck für unser Bestreben ist, am Ende nur das – in welcher Hinsicht auch immer – Beste zu tun. Damit liegt am Ende das entscheidende Kriterium immer bei uns selbst. Wir handeln also in jedem Falle egoistisch, egal welche Prinzipien wir uns geben.

Jenseits der philosophischen Überlegungen gab es aber noch eine andere, eine alltäglichere und praktischere Schicht, auf der die Verstellungen meiner bisherigen Weltanschauung aufgelöst werden mussten. Das war die moralisch-ethische Ebene, die mehr als nur das Alltagshandeln auch die Einstellung zum Leben, das Lebensgefühl und nicht zuletzt auch eine Ebene der psychisch-physischen Befindlichkeit betrifft. Und auf dieser Ebene gab es einen prominenten Katalysator (oder Guru), der mir zu einem relativ intensiv erlebten, emotionalen Befreiungsschlag verhielf und dem an dieser Stelle nicht genügend gedankt werden kann. Dieser Guru ist, vielleicht etwas überraschend, niemand anderes als der  External LinkNamensgeber dieses Blogs: Helge Schneider!

Seine Filme, Lieder und Shows – initial das Lied „Es gibt Reis, Baby“ – dieses völlig anhaftungsfreie Spiel in moralischer Schwerelosigkeit mit den Urmustern und Archetypen des menschlichen Denkens, Redens und Verhaltens, dieser virtuose, unprätentiöse, vor nichts haltmachende aber nichts geringachtende Humor, dieses Phänomen! bewirkte in mir eine eigentümliche Wärme, die all die Panzerscheiben meines pietistisch-protestantischen Moralgefängnisses zum Schmelzen brachte und mein Seelenleben der frischen Luft aussetzte. Dass Helge in völlig deplazierten Plateauschuhen „Ficken“ und „Saupillemannarschloch“ sagte oder die Verwendung seiner Katze als Stiefelkratzer besang, ohne dass es vulgär oder abfällig klang, sondern stets liebenswürdiger Humor blieb, war nicht deswegen ein Schlüsselerlebnis für mich, weil damit Grenzen überschritten, Tabus gebrochen und sittlicher Ungehorsam geleistet wurde – meine Pubertät war lange vorbei – sondern weil Helge in seiner unnachahmlichen Weise damit gerade KEINE Grenzen überschritt, gerade KEINE Tabus brach. Seine Albernheit, sein Unsinn, sein Verstoß gegen jede Regel ist keine Auflehnung, sondern Gelassenheit gegenüber diesen Regeln. Das Wort „Ficken“ trägt auch in einer Helge-Schneider-Show durchaus die Markierung der Unanständigkeit, aber Unanständigkeit wird zugelassen und nicht tabuisiert, sie wird nicht bewertet sondern neutral in ihrer humoristischen, ästhetischen Qualität eingesetzt. All dieser Ernst um Ästhetik, Ethik, Wahrheit und Güte, Pflicht und Ideale, dieses ganze Pathos der Weltverbesserung, das ich mit mir herumtrug, wurde dadurch fünf Etagen tiefer gehängt und das Menschliche, der Humor, die Freude am Diesseits, das Leben grade heraus rückten ins Zentrum.

Diese Kultivierung des Absurden bedeutete nicht, dass ich nun nur noch in Albernheit versank, aber ich bekam eine neue Perspektive auch auf die „ernste“ Kultur, auf klassische Musik, Philosophie, Literatur und nicht zuletzt Anthroposophie: sie wurden mir durch den Lebenssaft, den ich bei Helge trank, nicht verleidet, sondern ich erkannte, dass ich sie nicht um ihres Ernstes und ihrer Weltmission, sondern um der selben Lust willen betrieb, die sich in einer Helge Schneider Show auslebte. Es löste sich die Unterscheidung zwischen „ernst“ und „albern“ auf, zwischen Kultur und Unterhaltung, zwischen hoher Kunst und trivialem Spaß, zwischen Profanität und Heiligkeit. Ich fand im Ernst des Humors von Helge ebensoviel Heiligkeit, wie ich Profanität in affektierter Kulturbeflissenheit finden konnte. Erst viel später fand ich in dem Buch  External Link„Missionen“ von Sebastian Gronbach das Begriffspaar „Grundlegend“ und „Bedeutend“, das diese Relativierung begrifflich in eine neue Struktur brachte und jene Differenz, die sich in kultureller Betätigung durchaus finden lässt, in einen wertfreies System brachte.

Diese Übersteigung meines konventionellen Wertekataloges war die Tür aus dem Trampelpfad der Sittlichkeit: nicht die moralischen Prinzipien negieren und durch andere ersetzen. Auch nicht Moral als Qualität des Handelns relativieren oder ignorieren, sondern den moralischen Prinzipien gegenüber jene Gelassenheit entwickeln, die alles zulassen kann, ohne es zu glorifizieren und auf alles verzichten kann, ohne es zu verdammen. Meine sozialisierten Wertvorstellungen nicht auszutauschen oder zu verwerfen, sondern sich von ihnen zu emanzipieren, das regte Helge Schneider in mir an. Er verkörperte nicht zuletzt so ziemlich alles, was den Wertvorstellungen meines Sozialisierungskontextes widersprach: unernste Musik, sinnfreies Spiel, banaler Humor, plärrende Ästhetik, den Bruch mit allen formalen Regeln, eitle Selbstdarstellung, Hinwendung ans Unnötige aus schierer Lust. Über all das hätte ich meine anthroposophisch geeichte Nase rümpfen müssen. Doch die Intensität, mit der Helges Genie mich im Innersten berührte, zersprengte mit einem Mal all diese verknöcherten Vorurteile und machten mir deutlich, dass sie mich künstlich von meinem eigenen Wesen als Mensch fernhielten.

Ich ließ mit dem prinzipiellen Verzicht auf Prinzipien die schwerste Bürde fallen und fühlte plötzlich das ganze Leben in mir. Und die ganze Welt, all die Mannigfaltigkeit des Lebens, all die möglichen Lebensweisen, all das Individuelle und Absurde, all die Sehnsüchte und Lüste, die Gewohnheiten und Schrullen, die jeden von uns in eine andere Ecke treiben, waren plötzlich willkommene Gäste in meiner Welt. Ich hätte jeden Menschen umarmen können, nur weil er so völlig anders lebte als ich, weil er gegen meine Gewohnheiten und Sittlichkeitsmuster verstieß, weil er Lust mit Dingen verband, die ich verabscheute und umgekehrt.

Und dazu gehörte insbesondere auch meine Anthroposophie: sie war nur eine Möglichkeit von vielen, nur meine Sehnsucht, meine Schrulle. Vielleicht auch mein Talent, meine Chance. Ganz egal: dass man auch ganz ohne Anthroposophie leben kann, mit völlig anderen Ansichten und Ansätzen, mit karmischen Unmöglichkeiten und ohne jeden erkennbaren Erkenntnispfad, dass all das überhaupt nicht zählt, sondern die Menschen einfach Mensch sind wie ich, dass wir in der selben Welt leben und auf der gleichen Suche waren, dass das wahre wahre Leben nicht in irgend einem anthroposophischen Biotop, sondern da draußen in all der Mannigfaltigkeit unterschiedlichster Überzeugungen und Lebensweisen stattfand, dass es keine niedere und höhere Wirklichkeit gab, sondern dass die eine Wirklichkeit da draußen auch zugleich die wahre Wirklichkeit war – wahrhaftig: was für eine Befreiung!

Dass es viele Jahre brauchte und noch immer braucht, um diese Einsicht, dieses unmittelbare Loslassen meiner Prinzipien, auch in meinen Empfindungen und Neigungen, in meinen Gewohnheiten und Reflexen zu pflegen, ist selbstverständlich. So wie die Sozialisierung sprichwörtlich in Fleisch und Blut übergegangen ist, so muss man sich auch in Fleisch und Blut von ihr emanzipieren. Das ist ein langer, nie abschließender Prozess. Und je äußerlicher, je alltäglicher die Dinge sind, umso mehr sehe ich mich heute immer mehr meiner Sozialisierung gemäß handelnd. Der feine Unterschied ist aber, dass ich mir dieses Umstandes bewusst bin und diesem Handeln keine Wertung beilegen muss. Ich muss es weder als defizitär tabuisieren und innerlich mit Übungen dagegen opponieren, noch muss ich es als einzig gesunde Lebensweise glorifizieren. Ich bin so und ich handle so. Frei von jeder moralischen Implikation.

Fortsetzung: Das Kamel im Nadelöhr

Meine anthroposophische Privatsekte

Spirituelle Aufklärung 2

Die Form von Anthroposophie, in der ich aufwuchs und die ich mir dann als junger Erwachsener aktiv ausstaffierte, ist nach außen zunächst keine besonders enge und restriktive Weltanschauung. Sie mag unkonventionell und absurd wirken, aber sie gab sich durchaus freiheitlich und aufgeklärt. Meine Eltern haben mich weder missioniert noch weltfremd erzogen. Ich hatte eine ganz normale und schöne Kindheit. Als Waldorfschüler kam ich in den Genuss vieler der positiven Errungenschaften der Anthroposophie. Und der Drang nach Freiheit und geistiger Emanzipation lebt ja durchaus in Steiners Werk, was nicht zuletzt dazu führte, dass Steiners Freiheitsphilosophie für mich mit ein Auslöser für den Ausstieg aus meinem anthroposophischen Dogma war.

Aber dieser freiheitliche Gestus der Anthroposophie verdeckt auch oft eine tiefer liegende Schicht an Dogmen, die den Lebensalltag prägten, ohne direkt ausgesprochen worden zu sein oder gar in Verboten und Regeln gefasst zu werden. Das inspirierende Pathos der Anthroposophie verband sich in meiner Sozialisierung mit der kruden Ethik und Moral protestantisch-pietistischer Christlichkeit. Daraus resultierte eine relativ alltagstaugliche, weil auf letztlich konventionellen Prinzipien basierende Weltanschauung, die ihre Normen nicht durch Regeln und Verbote, nicht durch starre Formen, sondern geradezu waldorfpädagogisch über Nachahmung, Einbindung, Begeisterung und Identifikation durchsetzte. Durch den Freiheitsduktus der Anthroposophie stürzte sich mein jugendlicher Idealismus geradezu euphorisch auf diese Normen und adaptierte sie als vermeintlich autonome Überzeugungen.

Nicht alles war schlimm, aber hinter der bunten und oft auch freizügigen Welt anthroposophischer Lebensart steckten als Selbstverständlichkeit tradierte ethische und moralische Rammböcke. Arbeitsethik, Leistungsmoral, Lustfeindlichkeit, Leid- und Schmerzkultur, Jenseitsglaube, Subordination, Anstand und Sitte, Altruismus, Prüderie, Pflicht, Normalität… All dies war auf anthroposophische Inhalte ausgelegt und uminterpretiert, im Kern unterschied es sich aber nicht von den traditionellen Werten insbesondere der protestantischen Ethik. Der Sinn des Lebens war das Dienen – nicht Gott, sondern der Anthroposophie. Das anthroposophische Endziel, dass wir einst alle werden wie Rudolf Steiner – allgütige, allwissende, vergeistigte Eingeweihte – das war das selbst gesetzte Leistungsdiktat. Dass es eine bodenlose Anmaßung war, zu glauben, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen und mehr als nur ein Millionstel des Weges in der gegenwärtigen Inkarnation zurücklegen zu können, war das Büßerhemd. Die Peitsche war der als heilige Pflicht empfundene Entwicklungspfad, auf dem die gesamte Beschäftigung mit der Anthroposophie zur Katharsis wurde, zur Übung, zur Reifung durch Arbeit (man las Bücher nicht, man „arbeitete“ sie!). Gerade Schmerz und Leid galten als besondere Pfade der Tugend und wurden im seelischen Bootcamp meiner Anthroposophie freudig empfangen. Ganz im Kantschen Sinne, dass nichts wahrhaft gut sein kann, solange es noch Lust bereitet.

So war zum Beispiel Sex nur in seiner unumgänglichen Grundform geduldetes und nie thematisiertes Übel und alle Varianten sexueller und körperlicher Lust, die um ihrer selbst Willen kultiviert werden, wurden tabuisiert. SM und Fetischismus ebenso wie Sauna, FKK oder übermäßiges Make-Up. Was sich auf den Körper bezog, wurde als vulgär ausgeklammert. Reiner Spaß an der Freud‘ wurde als primitive Unkultur gebrandmarkt. Erfreuen durfte man sich nur an Dingen, die einen zugleich „weiter brachten“. Stets dräute im Hintergrund der Schulungspfad und wenn man sich doch auch mal an niederen Dingen delektierte, die nicht Teil der anthroposophischen Wertewelt waren, so war man sich zumindest deutlich bewusst, dass man gerade vom Pfad abwich, seine Lebenszeit verschwendete und danach umso mehr üben musste, um den Rückstand aufzuholen. Es gab keine äußere oder metaphysische Autorität, die einen dafür strafte. Das war auch nicht nötig, denn man strafte sich selbst zusammen mit dem anthroposophischen Kontext schon mehr als genug. Es gab einen ungeschriebenen Katalog der Gos und Nogos, was anthroposophically correct und incorrect ist. Was immer mir vor die Nase tritt, auch heute noch kann ich es zielsicher in diesen Katalog einordnen. Es ist ein so zutiefst verachtenswürdiger Moralkodex, der in schierer Schwarz-Weiß-Logik die Welt in zwei Teile bricht: in die anthroposophische und in die schlechte Welt. Das Bewerten aller Phänomene ist geradezu eine anthroposophische Zwangsneurose. Und dieser Kodex hat sicherlich individuelle Färbungen, aber im Kern ist er intersubjektives Gut bei einem beachtlichen Teil der anthroposophischen Szene.

Als Freiheits-Anthroposoph konfrontierte man aber nicht, man bekämpfte nicht und diskreditierte nicht offen; man strafte Unmoral durch Tabuisierung, sprach höchstens „unter sich“ offen darüber und pflegte so latente Vorurteile aller Art. Gegen Homosexualität, gegen Amerikanismus, gegen Juden, gegen vermeintlich rückständige Kulturen, gegen Materialisten, gegen Wissenschaftler, gegen Fußball, gegen die nichtanthroposophischen Nachbarn, gegen Leistungssport, gegen Popkultur, gegen Rockmusik, im Grunde gegen jede Form von individueller Lebenslust und unprätentiösem Mainstream. Die Vorurteile wurden nicht als offene Diskriminierung formuliert, sondern immer als Diagnose einer Abweichung vom anthroposophischen Ideal und letztlich eines irgend karmischen Entwicklungsdefekts. Am Ende wurden sie mit der Höchststrafe belegt: mit Mitleid und womöglich der Absicht, Hilfe zu leisten!

Das anthroposophische Weltbild, diese persönliche Geisteswelt von Rudolf Steiner, auf die ein unmittelbarer, nicht über das Schrifttum zu erschließender Weg nur theoretisch möglich war, weil er praktisch immer an der oben geschilderten Pflicht zur Selbstverachtung scheiterte, bot in ihrer teilweisen Bezogenheit auf die christliche Mythologie ein reichhaltiges Sammelsurium, um diese protestantischen Tugenden mit spirituell wirkendem Überbau zu versehen. Die Fülle und die lebendige Offenheit der Steinerschen Gedanken machten es möglich, jede noch so krude ethische Verirrung in die Anthroposophie zu importieren und so sein konventionelles, traditionelles Weltbild mit neuen Farben und zugegebenermaßen attraktiveren Aussichten, aber im Kern unverändert weiter zu pflegen. Problemlos konnte man seinen Dualismus in den gröbsten pseudosinnlichen Vorstellungen von der „geistigen Welt“ pflegen und den naivsten Heilserwartungen an dieses Jenseits nachhängen. Und die Anthroposophie als vermeintlicher Backstagepass zu dieser Geistwelt war der Münchhausengriff um diesen Dualismus als Monismus, diesen voraufgeklärten christlichen Idealismus als aufklärerische Freiheitsphilosophie missverstehen zu können. Das Protestantische Christentum ist nicht die einzige Weltanschauung, die in der Anthroposophie ihre Modernisierung sucht. Die Anthroposophie wird von den unterschiedlichsten Heilserwartungen inkorporiert, wodurch sie oft ein eigenes, über die Ebene schierer Religiosität hinausgehendes Profil verliert. Der anthroposophische Anspruch, überreligiös zu sein, verirrt sich in der Realität, jede Form von Religion zu adaptieren und so am Ende zu einer Art Universalreligion zu werden. Im Vergleich zu sich bekriegenden Einzelreligionen wäre das zwar schon ein Fortschritt, im Vergleich zu den spirituellen und wissenschaftlichen Ansprüchen der Anthroposophie ist es aber absolut disqualifizierend.

Wohlgemerkt, ich spreche hier im Wesentlichen von MEINER Anthroposophie, wie ich sie im Kontext meiner Sozialisierung und aus meinem eigenen Idealismus heraus konstruiert und erlebt habe. Dass ich „man“ statt „ich“ schreibe, illustriert die Tatsache, dass ich diese meine Anthroposophie als intersubjektive Selbstverständlichkeit aufgefasst hatte. Ich wurde darin allerdings von meiner anthroposophischen Umwelt auch nicht widerlegt. Ich bin also überzeugt, dass ich kein Einzelfall bin, aber was ich hier schildere, ist dennoch nur eine Möglichkeit, Anthroposophie (miss-) zu verstehen. Es ist kein objektives oder allgemeingültiges Bild der Anthroposophie. Und wäre ich ein weniger zu philosophischen Fragen neigender Mensch, hätte ich wahrscheinlich weder so viel Idealismus in die Erschaffung dieser Missgeburt gesteckt, noch am Ende so viel Energie gebraucht, um mich daraus zu befreien, sondern hätte die positiven Sozialisierungseinflüsse genutzt und mich von den negativen emanzipiert. Allein der Blick in die nächste Verwandtschaft zeigt, dass dies unter ganz ähnlichen Sozialisierungsbedingungen offenbar möglich ist.

Das fatale an dieser Weltsicht ist nicht nur, dass ich ganz freiwillig darin lebte und glaubte, eigenen Überzeugungen zu folgen und den wahren Pfad gefunden zu haben. Fatal ist, dass die Anthroposophie es zuließ, sich dabei auch noch für besonders unkonventionell, besonders frei, besonders originell, besonders individuell, besonders liberal zu halten. So konnte noch nicht einmal eine Konfrontation mit aufklärerischen Idealen zur Emanzipation anregen, weil ich mich dieser Ideale bereits inne wähnte und sie so überhaupt nicht als Konfrontation erlebte.

Eine autopoetische Hirnwäsche, die perfekte Ein-Mann-Sekte!

Fortsetzung: Da tat der Kommissar das einzig richtige: er wurde absurd!

Emanzipation von meinem anthroposophischen Dogma

Spirituelle Aufklärung 1

Als ich Anfang zwanzig war, saß neben mir an der Bar ein seltsamer Mensch, der einen recht unilateralen Dialog mit mir führte und mir in mehr oder weniger verständlichen Worten die Welt erklärte. Oder zumindest was er, wie ich glaubte, dafür hielt. Ich erinnere mich konkret nur noch an eines: seinen Rat, keine Bücher mehr zu lesen. Er legte mir sehr ans Herz, dass Bücher ungesund seien und dumm machten und daher ungelesen bleiben sollten. Ich war damals höflich und widersprach nicht, ich war mir aber sicher, dass die wirre Frisur auf dem Kopf des Thekennachbars das unmittelbare Abbild seines Geisteszustandes war und widmete mich denn auch ungebrochen meiner damals nahezu exzessiven Lektüre, die sich vorwiegend auf das Werk von Rudolf Steiner und seinen Epigonen richtete. Ich fraß dieses Werk regelrecht in mich hinein und schwelgte in den lebendigen Bildern und all den Bedeutungen, die mir die Welt und sogar das, was „hinter“ ihr liegt, erschließbar erscheinen ließen. Bücher ungesund? Der sprudelnde Quell des Geistes waren sie für mich und die Warnung dieses Stadtstreichers schnell vergessen.

Irgendwann aber tauchte dieser Satz wieder auf. Irgendwann in meinem Studium begann ich etwas eigentümliches festzustellen: ich bemerkte, dass das Wissen, das mir die Bücher gaben, mich wie ein Gefängnis umgab. Ich war geradezu gefangen in dieser Anthroposophie, die für jede Frage eine passable Antwort bereit hielt – und sei es nur als Stichwort in einer Bibliographie, das verbürgte, dass Steiner irgendwo auch zu dieser Frage etwas gesagt haben würde. Ich hatte das Gefühl von Leere und Einsamkeit, weil mir für mein Studium etwas fehlte: Neugier, die Möglichkeit, etwas zu entdecken, eine neue Erfahrungsschicht der Welt und des Lebens freizulegen. Denn ich hatte in der Anthroposophie vermeintlich schon den letzten, höchsten und universellsten Schlüssel zur Wahrheit gefunden. Auch wenn das Tor noch nicht geöffnet war, so stand doch außer Frage, dass nur dieser Schlüssel es irgendwann öffnen würde. Alles Neue, jede Erkenntnis, jeder mögliche Denkansatz, jedes Buch und jeder Autor wurde in meinem Hirn automatisch durch den Steiner-TÜV geprüft, klassifiziert und in bekannten Kategorien abgelegt. Es stand außer Frage, dass ich nichts würde lernen können, das nicht von Steiners Anthroposophie immer schon überstiegen und eingefasst wäre.

Mir fehlte aber genau jene Faszination am Unbekannten, jene Goldgräberstimmung bei der Suche nach einem neuen Weltbild, jene Begeisterung beim Aufstoßen eines lang gesuchten und kaum für möglich gehaltenen Tores in eine neue Welt, von der Menschen berichten, die irgendwo in ihrer Biographie zur Anthroposophie (oder zu anderen Sinnsystemen) gefunden haben. Sie fehlte mir, weil ich gleichsam Anthroposoph von Geburt an war. Aber an einem bestimmten Punkt war mir diese Faszination wichtiger als der Weg und all das (scheinbare) Wissen, das mir die Anthroposophie gab. Ich beschloss also, Neues zu suchen.

Nun konnte ich nicht einfach die Anthroposophie vergessen oder grundlos für Unsinn erklären, aber ich war mir sicher, dass es etwas geben müsse, was darüber hinaus noch entdeckbar wäre. Es musste noch eine Schicht der Welterfahrung möglich sein, die durch diese Anthroposophie nicht abgedeckt war. Es war in dieser Zeit, als mir wieder der Satz des Stadtstreichers ins Gedächtnis kam und von da ab unermüdlich an meiner Überzeugung nagte. Als stünde er noch immer neben mir mit einem Grinsen, darauf wartend, dass er Recht behalten würde. Ich erkannte, dass sich Wissen und Erkenntnis zueinander verhalten wie der Tod zum Leben. Das absurde war, dass es Steiners Anthroposophie selbst war, die mir die Instrumente lieh, um diese Erkenntnis zu erfassen. Steiner beschreibt, dass der Ätherleib als System der Lebenskräfte während des zweiten Jahrsiebts in gewissem Sinne freigesetzt wird, weil ein großer Teil seiner Aufgabe erfüllt ist und dass er dann die Grundlage der Erinnerung wird. Ich fand diesen Zusammenhang lange völlig absurd, bis es mir klar wurde: Erinnerung ist nichts anderes, als konserviertes, festgewordenes, totgewordenes Leben. Um etwas aufzubewahren muss es der Veränderung entzogen werden, es muss konserviert, eingefroren werden. Dort wo der Ätherleib nicht mehr bildet und schafft, wo er nicht mehr „lebt“, da tritt Tod ein, da erstarrt das Gebildete zur Form und wird im Bewusstsein zur Erinnerung.

Wissen ist aber nichts anderes als Erinnerung. Angelesenes Wissen ist toter Ätherleib. Alles, was sich nicht mehr verändert, was nicht aufgelöst und neu erschaffen wird, ist toter Ätherleib. Erkenntnis ist aber immer das Hinzufügen eines Neuen oder das Verändern eines vorhandenen Wissens. Erkenntnis ist Ausdruck des Lebens, Wissen ist Ausdruck des Todes. Wissen ist erstarrte Erkenntnis. Natürlich ist beides nötig und hat beides seinen rechten Ort, aber es war dieser Ausdruck des Todes, den ich spürte, als ich etwas über die angelesene Anthroposophie Hinausgehendes suchte. Und es war vielleicht auch dieser Ausdruck des Todes, der den Stadtstreicher zu der Bemerkung veranlasste, dass Lesen ungesund sei. Vielleicht hat er es auch nur so dahingesagt. Das ändert aber nichts.

Ich habe in der Folge tatsächlich die Bücher zur Seite gelegt und mit etwas begonnen, das eigentlich Steiner an jeder Ecke predigt und das man als braver Anthroposoph, der ich war, doch nie wirklich pflegt – zumindest nicht seinen eigenen Überzeugungen gegenüber: Unbefangenheit und Zweifel. Und gerade die eigenen Überzeugungen sind doch ihr legitimes Opfer. Ich habe mir gesagt: wenn ich schon die Anthroposophie nicht verwerfen kann, dann muss ich sie doch zumindest systematisch so anzweifeln, dass ich sie mir selbst neu erschließen kann. Nicht im Traum hätte ich daran gedacht, dass dieser systematische Zweifel zu einer so grundlegenden Neuerschließung führen würde, dass sprichwörtlich kein Stein auf dem anderen blieb. Tatsächlich löste sich irgendwann nicht nur die Anthroposophie für meine Erkenntnis auf, sondern die ganze Welt. Mein Zweifel wurde universal und existenziell. Und obwohl dem Nichts zu begegnen ein bedrohliches Erlebnis ist, so war es doch auch eine Befreiung, denn so sehr einen der Tod aus dem Dunkel des Nichts anstarrt, so sehr ist es als Akt das schiere Leben, mit dem man diese Erkenntnis erfasst. Es ist etwas, das man auch in tausend Büchern nicht lesen kann. Ich erkannte, dass wahre Philosophie nicht im Anhäufen von Wissen, im Aufbauen von Lehren und Systemen, im Liefern von Erklärungen besteht, sondern im Abtragen von Vorurteilen, im Relativieren von Systemen, im systematischen Zweifeln.

Nachdem ich so für mich die Anthroposophie zerschlagen hatte, konnte ich endlich – was für eine Befreiung! – andere Autoren mit der Unbefangenheit der echten Neugier lesen. Ich konnte aber plötzlich auch Steiner mit dieser Unbefangenheit lesen und feststellen, dass die Fragestellungen der Anthroposophie durchaus universell sind, dass Steiners Antworten nicht die einzigen aber auch nicht die schlechtesten sind, dass sie aber noch keineswegs den Horizont des Fragbaren markierten. Ich sah andere Autoren plötzlich nicht mehr durch die anthroposophische Brille sondern sah ihr eigenes Anliegen, ihre spezifische Weise, mit dem großen Rätsel Welt umzugehen, so wie ich auch in Steiner plötzlich nicht mehr den unhinterfragten Automaten für übersubjektive Welterklärungen sah, sondern einen ebenso Suchenden und Rätselnden, der auf eine große Goldmine gestoßen ist. Ich war hinter den Kulissen, ich hatte meinen eigenen Erkenntnisweg gefunden, mit dem ich mich von der Lektüre sicheren aber ebenso toten Wissens emanzipiert hatte und mir die Freiheit der eigenen, lebendigen Reflexion genommen hatte. Ich bin vom Antworten zum Fragen aufgestiegen. Nicht dass ich nichts mehr lesen würde – ich schreibe sogar – aber ich sehe darin etwas Sekundäres. Das Primäre ist das unmittelbare lebendige Denken, der unbefangene systematische Zweifel, der die innersten Verankerungen des Seins hinter Mauern aus Vorurteilen und Vorstellungen freilegt und erkennt, dass zuletzt überhaupt nichts übrig bleibt. Und in diesem Nichts ist alles aufgehoben und kann von mir konstruktiv gefasst werden.

So wird nicht nur Anthroposophie, aber auch Anthroposophie zu einer ganz neuen Veranstaltung, die an Unmittelbarkeit und Lebensfülle so viel gewinnt, wie das Spielen einer Symphonie gegenüber der bloßen Lektüre der Partitur. Und zugleich verblassen angesichts dieser Fülle all die für wichtig gehaltenen Zeichen und Muster der Partitur zu bloßen Hilfskonstruktionen und Platzhaltern für das darin überhaupt nicht konservierbare sondern stets neu zu erzeugende Eigentliche.

Fortsetzung: Meine anthroposophische Privatsekte

Waldorfhasser setzen auf Lügen

Die Anti-Waldorf-Front um &#160;<a href="http://nachsichten.anthroposophie.de/index.php?/categories/7-Grandt"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://nachsichten.anthroposophie.de/index.php?/categories/7-Grandt" border="0">Michael Grandt</a> , &#160;<a href="http://www.info3.de/wordpress/?p=158"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://www.info3.de/wordpress/?p=158" border="0">Andreas Lichte</a> , &#160;<a href="http://nachsichten.anthroposophie.de/index.php?/categories/11-Kissler"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://nachsichten.anthroposophie.de/index.php?/categories/11-Kissler" border="0">Alexander Kissler</a> und andere, sowie Foren wie NWA und Esowatch haben im vergangenen Jahr groß aufgefahren, um die &#160;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Waldorfp<blockquote>C3</blockquote>A4dagogik"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://de.wikipedia.org/wiki/Waldorfp<blockquote>C3</blockquote>A4dagogik" border="0">Waldorfpädagogik</a> zu bekämpfen. Dass die seit bald 100 Jahren ins offizielle Schulsystem integrierten Schulen mit besonderer pädagogischer Ausrichtung nur Kaderschmieden für eine gefährliche rassistische Sekte seien, versuchen die Autoren mit zum Teil haarsträubenden Ausführungen und umstrittenen publizistischen Mitteln glauben zu machen. Eines dieser Mittel sind schlichte Lügen, wie ich am Beispiel des "Schwarzbuch Waldorf" von Michael Grandt &#160;<a href="http://www.schachtelhalm.net/s9y/archives/35-Dummheit-und-Gegendummheit.html"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://www.schachtelhalm.net/s9y/archives/35-Dummheit-und-Gegendummheit.html" border="0">nachgewiesen</a> habe, der mit einem verfälschten Zitat behaupten wollte, der Bund der Freien Waldorfschulen empfehle angeblich Literatur, die Prügelstrafen gutheißt. <br />
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Nun wird auf der Website der Zeitschrift info3 &#160;<a href="http://www.info3.de/wordpressnews/?p=157"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://www.info3.de/wordpressnews/?p=157" border="0"> eine Arbeit</a> vorgestellt, in der gezeigt wird, dass auch die von Claudia Goldner aufgestellte Behauptung, Steiner habe „Ohrfeigen für grundsätzlich legitim“ gehalten, jeglicher Grundlage entbehrt. <br />
<br />
Und die Website "&#160;<a href="http://nachsichten.anthroposophie.de"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://nachsichten.anthroposophie.de" border="0">Nachsichten aus der Welt der Anthroposophie</a> " befasst sich seit einiger Zeit intensiv mit Michael Grandt. Die "Nachsichten" zeigen anhand von verschiedenen Publikationen von &#160;<a href="http://nachsichten.anthroposophie.de/index.php?/categories/7-Grandt"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://nachsichten.anthroposophie.de/index.php?/categories/7-Grandt" border="0">Michael Grandt</a> , dass dieser nicht nur in Bezug auf die Waldorfpädagogik abwegige Ansichten vertritt: so glaubt Grandt offenbar auch an Ufos, er lobt China als Hort der Freiheit wegen der dort möglichen Ufoforschung und er demonstriert eine sehr fragwürdige Sympathie mit der Terrororganisation <em>Hamas</em>, die er in einem &#160;<a href="http://info.kopp-verlag.de/news/gaza-israels-massenmord-an-den-palaestinensern.html"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://info.kopp-verlag.de/news/gaza-israels-massenmord-an-den-palaestinensern.html" border="0">Artikel auf der Website des Kopp-Verlages</a> zur Bürgerrechtsbewegung idealisiert. Angeblich hat Grandt den Nachsichten wegen dieser Veröffentlichungen bereits mit Gerichtsklagen gedroht – ein rechtsstaatliches Mittel, dessen Anwendung er dem Bund der Waldorfschulen allerdings stets als Beweis für Agressivität und Sektierertum vorhält. Doch auch der Kopp-Verlag, der diesen Artikel veröffentlichte, rudert bereits zurück, indem er den ursprünglichen antiisraelischen Hetz-Titel "Gaza: Israels Massenmord an den Palästinensern" in "Gaza-Krieg: Kollektivbestrafung an Palästinensern?" änderte (die URL des Links verrät noch den ursprünglichen Titel). <br />
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Es ist leicht, mit Falschbehauptungen ein schlechtes Licht auf Steiner und die Waldorfschulen oder auf andere kulturelle Minderheitsbewegungen zu werfen. Diese Anwürfe aufzuklären und richtig zu stellen, ist weit mühsamer. Manche Anthroposophen glauben, in Gerichtsklagen das geeignete Mittel hierfür gefunden zu haben. Die genannten Beispiele zeigen aber, wieviel effektiver publizistische Mittel sind, insbesondere dann, wenn sich Protagonisten wie Grandt auf lange Sicht ohne große Mühe selbst disqualifizieren. Und Websites wie info3 und die Nachsichten, aber auch die Blogs der sog. "Anthro-Sphäre" beweisen, dass Anfeindungen wie die von Grandt et al. keineswegs unwidersprochen bleiben, auch wenn auf legitime juristische Mittel verzichtet wird.

In welcher Zeit lebt die Anthroposophie?

Der info3-Artikel &#160;<a href="http://www.info3.de/wordpress/?p=150"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://www.info3.de/wordpress/?p=150" border="0">"Kulturfaktor mit Eintrittskarte?"</a> von Ramon Brüll hat viel Staub aufgewirbelt. Seiner These, dass die anthroposophische Gesellschaft als soziale Form für die anthroposophische Bewegung nicht mehr zeitgemäß sei, wird erwartungsgemäß von vielen Seiten widersprochen. <br />
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Wenn die Frage gestellt wird, ob eine vor knapp 100 Jahren gegründete Institution noch die zeitgemäße Form für den anthroposophischen Impuls darstellt, dann ist es schon ein wagemutiges Unterfangen, dieser Frage mit Zitaten zu begegnen, die aus dem Kontext der Gründung dieser Institution stammen. Komplett absurd wird es, wenn diese Zitate im Grunde das genaue Gegenteil dessen aussagen, wofür sie herangezogen werden.<br />
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Hartwig Schiller führt in seinem Aufsatz mit dem programmatischen Titel &#160;<a href="http://www.themen-der-zeit.de/content/Thema_Anthroposophie.857.0.html"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: http://www.themen-der-zeit.de/content/Thema_Anthroposophie.857.0.html" border="0">"Die unsterbliche Gesellschaft"</a> gegen die Thesen von Brüll das folgende Zitat Steiners an: <cite>"Aber, meine lieben Freunde, wenn wir die Anthroposophische Gesellschaft auflösen würden, so wäre sie gar nicht aufgelöst. Wir haben gar nicht so wie andere Gesellschaften und Vereine die Möglichkeit, die Anthroposophische Gesellschaft so ohne weiteres aufzulösen. Denn wir unterscheiden uns als Anthroposophische Gesellschaft, die eine Gesellschaft für eine geisteswissenschaftliche Bewegung ist, von anderen Gesellschaften gerade dadurch, dass wir nicht auf Programmpunkte, das heißt nicht auf Irreales, bloß Gedachtes, sondern uns auf Reales begründen, auf einer wirklichen Basis stehen."</cite>&#160;<a href="http://www.themen-der-zeit.de/content/Thema_Anthroposophie.857.0.html"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: " border="0"></a> Und er führt noch weitere Zitate an, um die Idee des übersinnlichen Wesens der Anthroposophie, das seine Realität unabhängig von aller äußeren Form wahrt, zu fundieren. Sein überraschendes Fazit allerdings: <cite>"Die Anthroposophische Gesellschaft will Basis, Werkzeug und Vollzug einer solchen Bewegung sein. Das war sie in der Vergangenheit zu großen Teilen, ist es in der Gegenwart und wird es bei hinreichender Anstrengung auch in der Zukunft sein können."</cite>&#160;<a href="http://www.themen-der-zeit.de/content/Thema_Anthroposophie.857.0.html"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: " border="0"></a> <br />
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Es ist geradezu rohe Gewalt, die Schiller anwenden muss, um das "unsterbliche" Wesen der Anthroposophie, das er mit Pathos und Überzeugung vorträgt, als Argument für die "Unsterblichkeit" der Anthroposophischen Gesellschaft einzusetzen. Mit diesem Fazit leugnet er im Grunde alles, was er zuvor ausgeführt hat und reduziert die Anthroposophie auf das, was sie auch nach Steiner eben gerade nicht ist: ein Verein, der mit seiner Auflösung verschwindet! Die Verwechslung von sozialer Form und spirituellem Inhalt könnte fataler nicht sein. Die selbe Verwechslung liegt all jenen Kommentaren zugrunde, die Brüll und info3 nun idiotischerweise vorwerfen, er wolle die Anthroposophie vernichten.<br />
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Für Andreas Neider tritt mit dem Artikel von Ramon Brüll <cite>"ein zunehmender Rückzug vom Werk Rudolf Steiners vor Augen, zugunsten einer immer stärkeren Beschäftigung mit esoterischen Praktiken und Traditionen amerikanischer Herkunft (K. Wilber, A. Cohen, N.D. Walsh u. a.). Und zunehmend vermisse ich dabei das, was Rudolf Steiner von jedem seiner Schüler erwartete, nämlich die eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung eben dieser Anthroposophie."</cite>&#160;<a href="http://www.themen-der-zeit.de/content/Thema_Anthroposophie_Kopie_1.855.0.html"><img src="http://www.schachtelhalm.net/s9y/uploads/linkicon.jpg" alt="External Link" title="Link to: " border="0"></a> Und offenbar fällt ihm der Widerspruch, der sich in diesen beiden Sätzen symptomatisch ausdrückt, überhaupt nicht auf. Symptomatisch deswegen, weil sich offenbar noch immer hartnäckig die Überzeugung hält, dass Steiner-Exegese und Konservierung der von Steiner geschaffenen Formen "eigenständige esoterische Erarbeitung" sei und die Weiterentwicklung der Anthroposophie in einer Abschottung gegen jegliche Form von ideellem Input bestehe. <br />
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Eine eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung der Anthroposophie und die Einsicht in das unsterbliche geistige Wesen der Anthroposophie muss nicht notwendigerweise zu der Überzeugung führen, dass die Anthroposophische Gesellschaft als zeitgemäße Form ausgedient habe, aber sie muss unbedingt in der Lage sein, diesen Gedanken in einem gegenwärtigen Kontext zu denken, ohne sich reflexartig an Steinerzitate zu klammern und gerade dasjenige, was die scheinbar ketzerische Idee von Brüll zur Diskussion stellt, nämlich die äußere Form der anthroposophischen Bewegung, als Gegenargument anzuführen. Oder mit etwas weniger Pathos ausgedrückt: wenn jemand die AAG für obsolet hält, entbehrt es jeglicher Logik, sein Gegenargument auf die "Unsterblichkeit" dieser Institution zu stützen, denn genau diese Prämisse ist es, die zur Debatte steht.<br />
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Dass Brülls Artikel eine so heftige Diskussion ausgelöst hat, ist nicht nur ein gutes Zeichen sondern es zeigt auch, dass seine Fragen virulent sind. Dass die Diskussion allerdings auf einem so niedrigen argumentativen Niveau stattfindet, in dem bei Licht besehen im Grunde nur Dogmen ausgetauscht werden, ist sehr bedauerlich, wenngleich nicht unbedingt überraschend. Richtig ärgerlich ist aber das bornierte spirituelle Spießbürgertum, das sich in den hier wie anderswo nicht enden wollenden Anfeindungen gegen info3 niederschlägt, weil sie unbequeme Fragen stellt, weil sie Ernst macht mit dem "eigenständigen Erarbeiten" und weil sie die Anthroposophie schon für so gereift und salonfähig hält, dass sie mit anderen spirituellen Bewegungen in einen Dialog treten kann, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Ganz im Gegenteil: gerade in solchen Dialogen könnte sich die Anthroposophie als eine der pubertären Egozentrik entwachsene, kulturell relevante Bewegung wiederfinden. Es ist eines der größten Verdienste der Redaktion von Info3, diesen Entwicklungsschritt einzuleiten. Denn eine Bewegung, die bei jedem geringsten Ansatz von Pluralität "Ketzer" und "Häretiker" schreit und am liebsten jedem Andersdenkenden das Recht absprechen möchte, sich Anthroposoph zu nennen, steckt derart in ihrem eigenen Dogma fest, dass die bisweilen panisch anmutenden Reaktionen auf den Auflösungsvorschlag den Schluss nahelegen, dass sich das lebendige Wesen des anthroposophischen Kulturimpulses aus seiner äußeren Hülle längst verabschiedet hat und diese nur noch als leere Puppe ihrem schieren institutionellen Selbsterhaltungstrieb folgt. <br />
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Hier verschränkt sich der Diskurs mit seiner eigenen Metaebene und die angeführten Argumentationen gegen die Thesen von Ramon Brüll werden selbst zu deren metadiskursorischen Bestätigung! Sofern die liebe Anthroposophia also noch lebt, wird dies erst der spärliche Anfang einer weitreichenden Debatte sein.<br />

Spinat-Ricotta-Ravioli und Höhlengnome

Es duftet nach Bienenwachs und gebrannten Mandeln, an den Wänden hängt Tannenreisig, Kerzen brennen, handgemalte Schilder weisen den Weg zu Stuben und Buden, in denen allerlei Handgemachtes aus Wolle und Holz verkauft wird. Nicht ganz perfekte, aber liebevolle Unikate. Alles ist zurechtgemacht, profane Funktionselemente des Schulgebäudes sind mit Seidentüchern oder Weihnachtsgestecken kaschiert, von irgendwo tönt Musik. Die Ästhetik der Waren und Dekorationen zeugt von Anspruch, wird bisweilen aber auch von allzu ernster Schwere erdrückt. Kinder werden mit Märchen, bekerzten Nussschalenschiffchen und der langwierigen schichtweisen Herstellung von Bienenwachskerzen unterhalten. Grellbuntes, Aufdringliches, Quäkendes und Plärrendes, profanes Plastik und monotone Industrieware muss draußen bleiben. Alles folgt einer stillschweigenden ästhetischen und qualitativen Norm: Adventsbasar an der Waldorfschule!<br />
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Die typische Athmosphäre eines Waldorfbasars kennt nur, wer dort war. Und als Schüler war ich notgedrungen jedes Jahr dort. Heute war ich nach gut 20 Jahren wieder einmal auf dem Adventsbasar meiner ehemaligen Schule. Besagte Atmosphäre allerdings nicht. Dabei war vordergründig alles wie immer. Kerzenziehen, gebrannte Mandeln, Märchen, Kuchen, Filz und Naturfarben. Alles war da. Aber bei näherem Hinsehen: ein waldorfpädagogisches No-Go nach dem anderen! Kaum Reisig an den Wänden. Unverhüllte Feuerlöscher. Die Zimmer durchnummeriert. Statt wachskreidenbemalter Wegzeiger ein schnöder Orientierungsplan. Zu Essen gab es Spinat-Ricotta-Ravioli in Schinken-Sahne-Sauce mit Parmesan und Ruccola an Balsamico. Zwar lecker, aber vom Adventsbasar-Charme her nicht im Ansatz mit Wienerli &amp; Kartoffelsalat oder selbstgebackenen Waffeln zu vergleichen. An den Verkaufsständen zum größten Teil kommerzielle Waren von externen Anbietern: Bücher, Kurzwaren aus Wolle, Obst und Gemüse, Perlen und Schmuck, Spielwaren. Die handgemachten Weidezäune für die waldorfkompatible Ritterburg, selbstgefilzte Höhlengnome und handbemaltes Tongeschirr musste man teilweise erfolglos suchen. Schließlich doch noch eine Bastelecke, in der man sich für 50 Cent aus Baumscheiben, Moos und Wachsknete eine weihnachtliche Miniaturlandschaft basteln konnte.<br />
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Ich kann nicht so einfach sagen, was mir fehlte. Denn im Grunde darf man froh sein, dass die enge und bisweilen von jeglicher Frischluftzufuhr abgeschnittene Subkultur der klassisch waldorfpiätistischen Weleda-Ästhetik in weiten Teilen der Vergangenheit angehört. Bei diesem Adventsbasar hatte ich allerdings das Gefühl, dass damit zugleich etwas über Bord geworfen wurde, das nicht nur zur gewohnten Atmosphäre des Basars gehört, sondern auch zur originären Idee der Waldorfpädagogik. Denn was hinter der ästhetischen Enge immer auch noch steckte, war ein gewisser Qualitätsanspruch, der sich – nicht unbedingt in dieser Ausformung, aber in seiner Haltung – überall dort findet, wo versucht wird, seinem Tun über die rein technische Funktion hinaus einen Sinn zu verleihen, der sich nicht an der Sache, sondern am Menschen orientiert. "Für Menschen mit Sinn gestaltet" könnte der passende Marketing-Slogan lauten. Sinn für Gediegenheit, für Ursprünglichkeit, für Originalität, für die unmittelbare Sinnlichkeit des natürlichen, für die seelenpflegende Wirkung von Ästhetik, für den wechselseitigen Einfluss von Form und Funktion, für die charakterbildende Kraft des Wahren, Schönen und Guten, für die soziale und persönliche Reifung durch sinnstiftende Kulturtechniken. Kurz ein Sinn für den Sinn einer an einem geistigen Menschenbild und an der konkreten Individualität des Einzelnen Kindes orientierten Pädagogik. Denn geistiges Menschenbild heißt nichts anderes als ein Bild, das den Menschen nicht nur als kausal wirkender Teil einer physikalisch-biologischen Natur sieht, sondern darüber hinaus als einen, der sich und seine Umwelt aus sich heraus mit einem ganz eigenen, alles physikalisch-biologisch-kausale übersteigenden Sinnzusammenhang versieht. In diesem Sinnzusammenhang kann der Mensch überhaupt erst seine Freiheit entfalten, weil er selbst es ist, der den ansich profan und wertneutral der Kausalität folgenden Dingen eine höhere Bedeutung verleiht. <br />
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Pädagogik – weit über Schule hinaus – ist aber am Ende nichts anderes, als die behutsame Einführung eines rein biologisch-kausal funktionierenden Eiweißbündels in die Kunst der autopoetischen Sinngebung, in das Herausheben des eigenen Ichs aus der nichtssagenden Relativität der schieren kausalen Sterblichkeit, in die Zeugung der eigenen Biographie. Und Schule stellt in unserer Kultur dafür einen der wichtigsten Parcours an Anregungen, um diesen eigentlich paradoxen Sprung aus der kausalen Funktionalität hinein in das spontane und freie Versehen der Welt mit Sinn zu schaffen. So wie sich die Freiheit des Gedankens erst dann entfalten kann, wenn das Denken sich zuerst in das Korsett der Regeln einer Sprache gezwängt hat und an ihrem Erlernen überhaupt erst prototypisch die Bedeutung von 'Bedeutung' für sich gleichsam aus dem Nichts erschaffen hat, so kann sich auch der junge Mensch erst dann seinen eigenen Sinn geben, wenn er die Fähigkeit der Sinngebung an einer sinnhaften Welt erlernt hat. Nicht weil er diesen Sinn übernehmen soll, sondern weil er daran die Fähigkeit zur selbständigen Sinnstiftung und damit zum freien Handeln in einer über das biophysische hinaus gehenden psychischen, sozialen, künstlerischen und geistigen Welt erlernen muss.<br />
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Das ist die eigentliche Idee der "Erziehung zur Freiheit", die hinter der Waldorfpädagogik steckt und die trotz all der muffigen Szeneästhetik als originärer und bewusster Qualitätsanspruch immer zu spüren war. Doch sie scheint immer mehr verloren zu gehen und einer an Traditionen, Gewohnheiten, Moden und scheinbaren Sachzwängen orientierten Beliebigkeit zu weichen, die sich zwar durchaus an netten Dingen erfreut – an Spinat-Ricotta-Ravioli und Unterhosen aus Wolle-Seide-Gemisch zum Beispiel – die aber nicht mehr den Unterschied spürt, zwischen dem Inhalt einer Sache und ihrem Sinn, ihrem inneren Zusammenhang in der Welt. Genau da ist aber der Unterschied zwischen einer Pippi-Langstrumpf-CD und einer Märchenerzählerin, die im Kerzenschein und von Wurzeln und Wollzwergen umringt die Kinder mit ihrer Erzählkunst fasziniert. Nicht weil Pippi-Langstrumpf-CDs irgendwie gefährlich oder ungesund wären, sondern weil die Märchenerzählerin dem Kind (im richtigen Alter) ganz unabhängig vom Inhalt schon als schierer Akt und Performance einen viel reicheren Sinnzusammenhang gibt, an den das Kind anknüpfen kann und durch den das Kind in seiner autopoetischen Sinnstiftung angeregt wird. Es ist nicht die Versorgung des Kindes mit der Information über den Inhalt des Märchens, der den eigentlichen pädagogischen Wert darstellt, sondern der Akt des Erzählens, das Eintauchen in die Geschichte, der Soziale Akt der Veranstaltung, das Erleben des Besonderen, die Interaktion mit Menschen und die Faszination an der Evokation von Vorstellungen. Das alles bringt natürlich auch die CD mit sich, aber in viel schwächerem Maße. Sie ist im Vergleich zur Märchenerzählerin für das Kind wie eine trockene Brotrinde zu einem opulenten Festmahl. <br />
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Ob also die Zwerge aus Filz und naturfarben oder ob sie aus Plastik und neonbunt sind, wäre letztlich egal, wenn sie denn nur nicht als beliebiger Dekoartikel in einem Sammelsurium an Zufälligkeiten auftreten (und das tun auch die Filzzwerge mittlerweile viel zu oft), sondern wenn sie sich als Teil eines nachvollziehbaren und sinnlich opulent erfahrbaren Sinnzusammenhanges darstellen, an dem sich die pädagogische Stimulation zur autopoetischen Biographie-Zeugung entzünden kann. Denn das tut die fünfhundertste Merchandising-Figur aus Plastik nicht, der Filzzwerg aber durchaus, weil er seine feste Rolle in der Märchenwelt und damit in jenem kindlichen Instrumentarium zur protoreflektiven Handhabung seiner Innerlichkeit hat. Die Plastikfigur hat da allenfalls eine feste Rolle in der kommerziellen Konsumerziehung.<br />
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Und so ist auch der Adventsbasar nur in zweiter Linie eine Verkaufsveranstaltung zur Finanzierung der Schule (so richtig gewichtig ist der Erlös ohnehin nicht) und deswegen auch das Augenmerk auf Verkaufbarkeit, Marktfähigkeit und Nachfrageorientierung der Artikel nur bedingt interessant. In erster Linie ist es ein sozialer Akt, ein Event und eine Gelegenheit, nicht nur für die Kinder sondern auch für die Eltern und Lehrer und nicht zuletzt für die Besucher, sich als Schulgemeinschaft und Schulumwelt, aber auch als Einzelne zur Sinnstiftung anzuregen, indem man gemeinsam in einen zwar beliebig zu wählenden, aber in sich nicht beliebigen Zusammenhang eintaucht, durchaus auch ohne gleich darin zu ersticken. <br />
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Das ist es, was ich hinter all der ästhetischen Zumutung, die ein Adventsbasar bisweilen mit sich brachte, heute an meiner ehemaligen Schule vermisst habe. Die Aufmerksamkeit für Gediegenheit, für Zusammenhang und Sinn, die sich im Detail in der nur scheinbar funktional überflüssigen Ästhetik und Qualität niederschlägt. Kurz: Kultur! Und das steht nur als pars pro toto für den Eindruck, den ich von der Waldorfpädagogik insgesamt gegenwärtig habe – man korrigiere mich gerne mit empirischen Belegen! – sie verliert ihre Marotten, aber zugleich auch ihre Substanz.<br />
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